1.6. Ich-Erleben

1.6. Ich-Erleben
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Ich bin ich, Du bist Du. Ich bleibe Ich, auch wenn ich einem anderen Menschen noch so nahe komme. Und ich war immer Ich, egal ob ich 10 oder 30 Jahre alt war. Und auch mit über 60 Jahren habe ich die gleiche Identität wie damals, als ich 10 Jahre alt war, halt nur etwas älter und mit anderen Anschauungen…

Das klingt etwas verrückt, ist aber für die meisten Menschen ganz normal. Zwischen uns und anderen, der Umwelt, besteht immer eine Grenze, hinter die ich mich zurückziehen und verstecken kann. Das gibt mir Sicherheit über meine Individualität und Persönlichkeit. Meine Gedanken und Gefühle gehören mir, keiner kann sie mir wegnehmen. Sie kennen bestimmt alle das Lied „Die Gedanken sind frei,…“. Das trifft es irgendwie…

Bei einigen psychischen Erkrankungen empfinden die Menschen diese Grenze als durchlässig in beide Richtungen. Die Umwelt kann etwas mit ihrem Innersten „machen“, sie können sich nicht schützen, sich von der Umwelt nicht mehr abgrenzen. Das macht unglaublich viel Angst. Und es ist total verständlich, wenn diese Menschen sich zurückziehen, autistisch reagieren. Das sollte unbedingt respektiert werden.

Psychiatrisch wird dies bezeichnet als

Ich-Störungen mit dem „Gefühl des Gemachten“ (Die Umwelt macht etwas mit mir.)

Es gibt verschiedene dieser Ich-Störungen.

  • Gedankenausbreitung

Der Betroffene hat den Eindruck, dass seine Gedanken von anderen gelesen würden, dass andere wüssten, was er denkt. (Man macht also von außen etwas mit seinen Gedanken.)

  • Gedankenentzug

Der Betroffene klagt, dass andere ihm seine Gedanken wegnehmen würden.

  • Gedankeneingebung

Der Betroffene meint, dass andere seine Gedanken von außen beeinflussen und steuern.

  • Willensbeeinflussung

Hier erlebt der Betroffene seine Handlungen und sein Wollen als von außen beeinflusst. Beispielsweise sagt er, er wolle nicht schreien, aber es schreie aus ihm heraus, und das liege an den Strahlen, die andere ihm senden (man macht also von außen etwas mit seinem Willen).

 

In der Psychiatrie werden noch andere Auffälligkeiten als Ich-Störungen bezeichnet. Hier fehlt das Gefühl des Gemachten.

Derealisation

Die Umgebung scheint dem Betroffenen verändert, unwirklich, fremdartig und unvertraut.

Depersonalisation

Die eigene Person kommt dem Betroffenen verändert, unwirklich oder fremd vor. Er steht sich selbst fremd gegenüber („Ich bin ein Roboter geworden“, „Ich lebe nicht mehr“).

Punkt Weiter mit 1.7. Wahrnehmung

1.5. Gedächtnis

1.5. Gedächtnis
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Störungen des Gedächtnisses sind Beeinträchtigungen der Fähigkeit, sich Wahrnehmungen und Empfindungen zu merken und sich später daran zu erinnern.

Das Gedächtnis besteht aus zwei Komponenten, die aber eigentlich im Alltag nicht voneinander zu trennen sind:

  • Merkfähigkeit – der Fähigkeit, Wahrnehmungen und Empfindungen zu speichern und
  • Erinnerung – der Fähigkeit, diese wieder zurückzurufen.

Merkfähigkeitsstörungen

Der Betroffene hat Neues bereits nach wenigen Minuten wieder vergessen.

Störungen des Kurzeitgedächtnisses

Der Betroffene kann Neues nur für einige Minuten bis Stunden behalten.

Störungen des Langzeitgedächtnisses

Der Betroffene kann sich an Ereignisse, die Monate bis Jahre zurückliegen, nicht mehr erinnern.

Amnesien (gr. a = nicht, mnesis = das Erinnern)

Als Amnesien werden zeitlich oder inhaltlich begrenzte Erinnerungslücken bezeichnet. Beispiel einer zeitlich begrenzten Amnesie ist die Erinnerungslücke für die Zeit direkt vor einer Gehirnerschütterung.

Konfabulation (lat. confabulare = reden, plaudern)

sind Pseudoerinnerungen (scheinbare Erinnerungen). Der Betroffene füllt eine Erinnerungslücke mit einem spontanen Einfall aus und hält diesen für eine echte Erinnerung.

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1.4. Denken, inhaltliches

1.4. Denken, inhaltliches
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Wahn

Der Wahn ist eine inhaltliche Denkstörung. Er ist eine objektiv falsche Überzeugung, die ohne entsprechende Anregung von außen entsteht. Er wird vom Betroffenen mit großer Gewissheit erlebt und trotz „vernünftiger“ Gegengründe unkorrigierbar aufrechterhalten.
Es handelt sich also um eine „Privatwirklichkeit“, die von niemandem geteilt wird. Der Betroffene hat kein Interesse daran, seine Wahnidee zu überprüfen.
Wahnideen kommen meistens nicht von einer Minute zur nächsten, sondern:

Wahnstimmung

Meist entsteht Wahn aus einer Wahnstimmung heraus. Die Patienten merken, dass sich etwas Bedrohliches (selten sind es Glücksgefühle) ankündigt. Ihre Umgebung erscheint ihnen merkwürdig, viele belanglose Handlungen geheimnisvoll.

Wahnwahrnehmung

Etwas Reales wird umgedeutet, was objektiv falsch ist. Beispiel: Alle Menschen mit weißen Turnschuhen stecken unter einer Decke und planen etwas Böses gegen mich.

Wahneinfall

Dem Betroffenen fällt einfach etwas ein, was objektiv falsch ist. Er braucht dafür keine Beweise, er weiß es eben. Beispiel: Ich weiß einfach, dass ich Napoleon bin.

Wahnthemen

Ein Mensch kann sich beobachtet, verfolgt, vergiftet fühlen. Auch religiöse Themen spielen eine Rolle. Bei Menschen mit Schizophrenie sind die Themen häufig großartig, abenteuerlich oder philosophisch (Ich bin Napoleon oder der Messias, ich erlöse die Welt, die Marsmenschen wollen mich vernichten, ich werde von einer Geheimorganisation verfolgt, ich weiß genau, dass morgen die Welt untergeht…)

Die Wahnthemen von Dementen handeln häufig von der Vergangenheit des Betroffenen bzw. von kleinen Alltagsdingen aus dem jetzigen Leben (Z.B. ich weiß genau, meine Zimmernachbarin bestiehlt mich. Sie will mich fertigmachen…).

Irrtum

Ist auch eine objektive falsche Überzeugung, die der Realität nicht entspricht. Aber ein Irrtum lässt sich korrigieren. Sie kennen dies alle, da sich jeder schon mal geirrt hat. Irgendwann erkennen Sie, dass Sie sich getäuscht haben.

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1.3. Denken, formales

1.3. Denken, formales
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Formales Denken, damit ist der Denkablauf, der Gedankengang gemeint. Also z.B. die Denkgeschwindigkeit – angemessen, zu langsam oder zu schnell. Oder denke ich unzusammenhängend oder in ersichtlicher Reihenfolge… Der Inhalt des Denkens wird hier nicht betrachtet.

Denkbeschleunigung oder Ideenflucht
Ein Gedanke jagt den anderen. Der Mensch kommt vom „Hundertsten ins Tausendste“, vom „Hölzchen aufs Stöckchen“. Äußerlich zeigt der Mensch ein schnelles Sprechen und Endlossprechen (= Logorrhoe), er hört nicht auf zu sprechen und springt von einem Thema zum anderen (unfokussiertes Denken). Ein roter Faden ist aber noch erkennbar.

Denkverlangsamung oder Denkhemmung

Ist das Gegenteil von Denkbeschleunigung. Der Mensch denkt langsam, was sich in zögerlichem langsamen Sprechtempo äußert. Er erlebt sich selber als ideenarm. Aber er kann inhaltlich richtig auf Fragen reagieren, eben halt sehr langsam, oft auch nach längerer Pause.

Denkzerfahrenheit

Völlig zusammenhangloses und zerrissenes (inkohärentes) Denken und Sprechen. Im Extremfall „Wortsalat“.

Gedankenabreißen oder Gedankensperre

Plötzliches Abbrechen eines bis dahin flüssigen Gedankenganges ohne erkennbaren Grund.
Zum Beispiel spricht jemand über seine Kindheit. Plötzlich macht er eine Pause und fährt dann mit der Schilderung eines Buches fort.

Oft wird das Gedankenabreißen als Folge eines Gedankenentzugs beschrieben: Ein Mensch sagt, der Gedanke sei plötzlich weg, jemand habe ihn weggenommen. Die formale Denkstörung wird also von ihm als Störung des Ich-Erlebens wahrgenommen.

Begriffszerfall

Die Bedeutung der verschiedenen Wörter werden nicht mehr scharf gegeneinander abgegrenzt. Begriffe der allgemeinen Sprache haben nicht mehr ihre ursprüngliche – für alle verständliche – Bedeutung. Kann einen einzelnen Begriff betreffen oder auch so viele, dass eine Verständigung selbst über Alltagsdinge nicht mehr möglich ist.

Neologismen
Manchmal bilden Menschen durch Verknüpfung von Begriffen ganz neue Wörter. Es entstehen sehr kreative Wortneuschöpfungen.

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1.2.2. Qualitative Bewusstseinsstörungen

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1.2.Psychopathologischer Befund Bewusstsein
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden
1.2.2.Qualitative BWStörungen
Auffälligkeiten des Bewusstseins

Qualitative Bewusstseinsstörungen sind schwieriger zu verstehen als die quantitativen. Sie sind komplexer und vielseitiger. Die Bewusstseinsinhalte sind verändert. Dazu kommen auch häufig quantitative Bewusstseinsstörungen.

Bewusstseinsverschiebung (Bewusstseinssteigerung bzw -erweiterung)

Die Wahrnehmung erscheint lebhafter und man nimmt ganz andere Dinge als sonst wahr. Der Mensch erscheint ekstatisch („entrückt“), schildert umfassende Erkenntnisse und Einsichten.

Vorkommen:

  • Unter halluzinogenen Drogen oder Psychostimulantien
  • Evt. in einer Manie und
  • Zu Beginn einer Schizophrenie

 

Bewusstseinseinengung

Vorkommen:

  • Diese kennen viele „normale“ Menschen, wenn sie sehr stark konzentriert sind und ihre Aufmerksamkeit sehr eingeengt ist. Sie nehmen dann nur bestimmte, für sie interessante, Dinge wahr. Alles andere wird ausgeblendet.
  • Und beim autogenen Training wird dies ganz bewusst trainiert.
  • Oder in therapeutischer Hypnose bewusst hervorgerufen.
  • Dämmerzustände sind pathologische
    • Bewusstseinseinengungen, die oft  plötzlich eintreten und ebenso abrupt aufhören.
    • Charakteristisch ist eine starke Einengung auf ein bestimmtes inneres Erlebniselement oder einen entsprechenden Erlebnisbereich und eine nachfolgende Erinnerungslosigkeit (Amnesie).
    • Das Verhalten kann formal geordnet sein (geordneter Dämmerzustand). Die Umwelt bekommt davon oft gar nichts mit.
    • Oder das Verhalten ist schwerwiegend gestört bis hin zu einem plötzlich einsetzenden Erregungszustand gegenüber der Umwelt und dem eigenen Körper mit Fremd- und Selbstbeschädigungen (ungeordneter Dämmerzustand).
  • Auch Schlafwandeln gilt als Dämmerzustand. Ich würde es aber nicht als krankhaft bezeichnen.

 

Delirium tremens

Wird oft in Psychiatriebüchern als eigenständiges Krankheitsbild abgehandelt, weniger unter qualitativen Bewusstseinsstörungen aufgeführt. In diesem Zusammenhang wird dann dieser Zustand als Verwirrtheit und Bewusstseinseintrübung bezeichnet.

Symptome:

  • Mangelnde Klarheit des Erlebens
  • Gesteigerte psychomotorische Aktivität
  • Teilweise oder vollständige Desorientierung
  • Unzusammenhängendes Denken
  • Illusionäre Verkennungen und Halluzinationen
    • Oft sind optische Halluzinationen suggerierbar (dem Patienten „einzureden“).
  • Häufig vegetative Begleiterscheinungen
    • Schwitzen
    • Tachycardie
    • Zittern
    • Temperaturerhöhung
    • Austrocknung….
  • Delirien entstehen nicht plötzlich – wie beim Dämmerzustand – , sondern haben ein leichtes Anfangsstadium, was allmählich immer schlimmer wird.
  • Auch hier besteht hinterher eine Amnesie, wobei oft „Erinnnerungsinseln“ übrig bleiben.

Vorkommen:

  • Alkoholentzug bei Alkoholismus
  • Medikamentenentzug bei körperlich abhängig machenden Medikamenten
  • Komplikationen bei verschiedensten Medikamenten wie Atropin, Antiparkinsonmitteln, Antidepressiva…
  • Fliegenpilzvergiftung
  • Stoffwechselentgleisungen
  • Als akute organische Psychose bei alten Menschen mit cerebralen Durchblutungsstörungen, Flüssigkeitsmangel und Fieber.

 

Oneiroides Bewusstsein

Symptome:

  • Traumhafte Veränderung des Erlebens
  • Erhaltene Wachheit
  • Formal geordnetes Denken
  • Sinnvolles geordnetes Handeln.
  • Es ist ein Zustand, der vom Betroffenen nach Abklingen als „wie im Traum“, „so unwirklich“ bezeichnet wird, obgleich volle Erinnerung besteht.

Vorkommen:

  • Exogene und endogene psychotische Zustände
  • Epilepsie
  • Zerebrale Durchblutungsstörungen
  • Fieber.

Punkt Weiter mit 1.3. Denken, formales

 

1.2.1. Quantitative Bewusstseinsstörungen

1.2.Psychopathologischer Befund Bewusstsein
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

1.2.Quantitative BWS störungen
Auffälligkeiten des Bewusstseins

Quantitative Bewusstseinsstörungen werden auch als Vigilanzstörungen oder Veränderung der Wachheit bezeichnet.

Da die Ursachen fast immer hirnorganische Störungen diverser Art sind, kommt es hier zu einer Überschneidung von Psychiatrie und Neurologie.

Benommenheit

Leichte Minderung der Wachheit, die sich oft nur in einer leichten Verlangsamung des Denkablaufes und einer etwas erschwerten Auffassung äußert.

Somnolenz

Schwere Benommenheit.

Symptome:

  • Herabsetzung der Aufmerksamkeit
  • Erschwerung der Auffassung
  • Erschwerung der Orientierung in Raum und Zeit
  • Verlangsamung der Denkvorgänge
  • Schwerbesinnlichkeit.

Die Somnolenz hinterlässt nach Abklingen eine weitgehende, aber meist nicht vollständige Erinnerungslücke (Amnesie).

Vorkommen:

  • Bei akuten exogenen Psychosen (z.B. Vergiftungen, leichtes Schädel-Hirn-Trauma, vorübergehende cerebrale Durchblutungsstörungen…)

Sopor

Schlafartiger Zustand, aus dem der Patient nur durch stärkere Reize partiell und vorübergehend, jedoch nur bis zum Stadium der Benommenheit „erweckbar“ ist.

Koma

Schwerste Form der quantitativen Bewusstseinsstörung mit tiefer Bewusstlosigkeit. Der Patient kann auch bei Anwendung starker Schmerzreize nicht erweckt werden. Er reagiert höchstens mit unkoordinierten Abwehrbewegungen.

Das Koma ist immer ein ernster, oft lebensbedrohlicher Zustand.

Ursachen:

  • Organische Hirnerkrankungen (z.B. Schädel-Hirn-Traumen, Schlaganfälle…)
  • Schwere Stoffwechselstörungen
    • extreme Überfunktion der Schilddrüse
    • diabetisches Koma durch extreme Überzuckerung
    • Koma durch Leberversagen
    • extreme Unterzuckerung oder durch Nierenversagen
  • Präfinales Stadium (Stadium vor dem Tod) schwerer Allgemeinerkrankungen.

 

Sonderfall

Wachkoma (= apallisches Syndrom = Coma vigile)

  • Der Patient erscheint, obwohl stumm und reglos, wach: Der Blick starrt geradeaus oder wandert umher, fixiert nicht.
  • Weder verbal noch außersprachlich (Anfassen, Vorhalten von Gegenständen) ist eine Reaktion zu erzielen.
  • Auch die reflektorischen Flucht- und Abwehrbewegungen können fehlen.
  • Verharren in Zufallsstellungen (Fehlen der Korrekturbewegung).
  • Vegetative Elementarfunktionen (Herzrhythmus, Atmung, Schlaf-Wach-Wechsel) erhalten.

Das Syndrom ist abzugrenzen gegenüber dem Koma und gegenüber dem katatonen Stupor. Dazu ist außer dem psychopathologischen und neurologischen Befund das EEG wichtig.

Vorkommen:

  • Schwerste Schädigung und Funktionsausfall des Großhirnmantels (Pallidum) z.B. durch Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnblutung, Enzephalitis…

 

Punkt Weiter mit 1.2.2. Qualitative Bewusstseinsstörungen

 

1.2. Bewusstsein

1.2.Psychopathologischer Befund Bewusstsein
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Es gibt viele Definitionen vom Bewusstsein. Da in allen der jeweilige philosophische oder weltanschauliche Standpunkt zum Ausdruck gebracht wird, gibt es keine allgemeingültige Begriffserklärung.

In der traditionellen Psychiatrie bedeutet es einen eigentümlichen Grad von Helligkeit, Klarheit, Fülle, Beweglichkeit, Ablauftempo und Rangordnung des inneren Erlebens und der psychischen Funktionen.

Eine kurze und knappe Beschreibung ist folgende (aus Vieten et al.):

Bewusstsein ist die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen), verbunden mit dem Wissen um das eigene „Ich“ und die Subjektivität dieser Vorgänge.

Unterschieden werden vor allem

Veränderungen der Bewusstseinshelligkeit = quantitative Bewusstseinsstörungen

und

Veränderung der Bewusstseinsinhalte = qualitative Bewusstseinsstörungen.

Die Einschätzung erfolgt auf Grund der Beobachtung des gesamten Verhaltens eines Menschen.

1.2.Bewusstsein
Auffälligkeiten des Bewusstseins

 

Punkt Weiter mit 1.2.1. Quantitative Bewusstseinsstörungen

1.1. Affektivität

1.1. Affektivität
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

1.1.Affektivität
Auffälligkeiten in der Affektivität

Affektivität

(lat. affectus = Gemütsstimmung, Empfindung, Leidenschaft)

ist die Gesamtheit der Gefühlsregungen und Stimmungen.

Stimmung

ist im Unterschied zum Affekt ein längerdauernder Gefühlszustand.
Typische Stimmungen:
– Traurigkeit
– Fröhlichkeit
– Gereiztheit

Depressive Stimmung

Gedrückte , pessimistische, hoffnungslose, niedergeschlagene, verzagte Stimmungslage, die die Traurigkeit weit übersteigt. Dazu kommt häufig Antriebsminderung , Angst, Selbsttötungsneigung und vermindertem Selbstwertgefühl. Die Affekte dazu drücken häufig keine Traurigkeit aus (z.B. mit Weinen oder kummervollem Gesichtsausdruck),  sondern sie wirken sehr erstarrt, so als ob eine „Gefühlslosigkeit“ in diesem Menschen herrscht.

Vorkommen:

– endogene Depressionen
– reaktive und neurotische Depressionen
– exogene Depressionen durch Gehirnerkrankungen

Euphorische Stimmung

Extrem heitere Stimmung mit Sorglosigkeit, Optimismus, subjektivem Wohlbefinden und gesteigertem Selbstwertgefühl.

Vorkommen:

– endogene Manie im Rahmen einer manisch-depressiven Krankheit (affektive Psychose)
– exogene Manie durch Gehirnerkrankungen oder durch Psychostimulantien u.ä. .

Gereizte Stimmung

Auf kleine und kleinste Zurücksetzungen oder Fehlschläge wird mit stärkerer Verstimmung, Freudlosigkeit und mühsam beherrschter Wut reagiert.

Vorkommen:

– bei Persönlichkeitsstörungen (als extreme Persönlichkeitseigenschaft)
– besonders aber bei manchen organischen Hirnerkrankungen, z.B. nach Hirnverletzungen und ab und an bei Epilepsie.

Affekte

Hier sind in der Psychiatrie sämtliche Gemütsäußerungen gemeint (z.B. Weinen, Lachen), verbunden mit körperlich-vegetativen Begleiterscheinungen (z.B. bestimmte Mimik, Schwitzen …).

Affektstörungen

Affektlabilität

Die Gefühle und Gefühlsäußerungen wechseln rasch, sobald ein bestimmter kleinerer Außenreiz kommt. Zum Beispiel: kleine Rührszene im Fernsehen –> sofortiges Losschluchzen.

Vorkommen:

– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom, siehe dort im Lexikon)
– habituell (lateinisch = gewohnheitsmäßig) bei psycholabilen Menschen (Jemand ist „nahe am Wasser gebaut.“)
– bei körperlicher und seelischer Erschöpfung (bei sonst unauffälligen Persönlichkeiten), evt. beim prämenstruellen Syndrom
– bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen vom impulsiven Typus (Borderline Persönlichkeitsstörung), bei denen eine besondere Labilität in Richtung Explosivität und Aggressivität besteht
– bei Kindern
– bei manisch-depressiven Mischzuständen

Affektinkontinenz

Eine Steigerung der Affektlabilität. Die Anlässe, die Gemütsäußerungen hervorrufen können, sind hier noch geringfügiger. Oft ist gar kein Anlass zu finden. Es entstehen ganz rasch intensive emotionale Reaktionen (überschießendes Lachen oder Weinen), die eine übermäßige Stärke haben und nicht beherrscht werden können. Die emotionalen Äußerungen klingen meist rasch wieder ab.

Beispiel:

Ein dementer Mensch, den man nach seinem Namen fragt, fängt bitterlich an zu weinen.

Vorkommen:
– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom).

Affektinkontinenz ist zu unterscheiden vom sog. pathologischen Lachen und Weinen, ältere Bezeichnung Zwangslachen und Zwangsweinen.

Inadäquate Affekte

„Unangemessene“ Gefühlsäußerungen. Sie werden auch als paradoxe Affekte bezeichnet. Hier passen die Gefühlsäußerungen eines Menschen nicht mit seinen Gedankeninhalten oder seiner Stimmmung oder einer bestimmten Situation zusammen.

Man sagt dazu auch Parathymie.

Z.B. ganz traurige Erlebnisse können munter lächelnd erzählt werden.
Hier bleibt für den Untersucher aber häufig offen, ob es sich wirklich um eine Inadäquatheit der Gefühle – am Beispiel, der Erzähler empfindet bei der Schilderung des ganz traurigen Erlebnisses gar keine Traurigkeit, im Gegenteil – oder um eine Inadäquatheit der Gefühlsäußerungen (=Paramimie) – am Beispiel, der Erzähler empfindet die Traurigkeit beim Erzählen, nach außen zeigt die Mimik aber das Gegenteil – handelt.

Affektverflachung

Wird manchmal auch etwas unschön als Abstumpfung, Affektlahmheit, Affektstarre oder Affektverödung bezeichnet.
Der Betroffene verliert das Mitempfinden, die emotionale Schwingungsfähigkeit (Spannbreite der Gefühle) verringert sich. Es lassen sich Gefühlsäußerungen nur schwer auslösen. Im Extremfall wirken Betroffene nach außen teilnahmelos und gefühlsleer. Hier scheint ein Leidensdruck zu fehlen.

Affektsperre

Unfähigkeit, Gefühle durch Affekte mitzuteilen. Die vorhandenen Gefühle lassen sich nicht an Mimik, Gesichtsausdruck, Gestik ablesen. Die Menschen wirken undurchsichtig.

Abschwächung aller Gefühle (Gefühlsverarmung)

Oft schmerzlich empfundene Gefühlsverarmung bis hin zu einem Gefühl der Empfindungslosigkeit. Die Patienten haben das Gefühl, nichts mehr empfinden zu können und innen leer zu sein.
Zum Beispiel sagt ein junger Mann mit Schizophrenie zu seinem Vater; „Ich wollte, ich könnte aufwachen und mich ganz mies fühlen – das wäre besser, als gar nichts fühlen.“

Ambivalenz

Wird meistens in der Literatur zu den Affektstörungen gezählt. Ich habe sie aber unter dem Extrapunkt Ambivalenz gesondert genannt und beschrieben.

Punkt Weiter mit 1.2. Bewusstsein