1.2.2. Qualitative Bewusstseinsstörungen

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1.2.Psychopathologischer Befund Bewusstsein
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden
1.2.2.Qualitative BWStörungen
Auffälligkeiten des Bewusstseins

Qualitative Bewusstseinsstörungen sind schwieriger zu verstehen als die quantitativen. Sie sind komplexer und vielseitiger. Die Bewusstseinsinhalte sind verändert. Dazu kommen auch häufig quantitative Bewusstseinsstörungen.

Bewusstseinsverschiebung (Bewusstseinssteigerung bzw -erweiterung)

Die Wahrnehmung erscheint lebhafter und man nimmt ganz andere Dinge als sonst wahr. Der Mensch erscheint ekstatisch („entrückt“), schildert umfassende Erkenntnisse und Einsichten.

Vorkommen:

  • Unter halluzinogenen Drogen oder Psychostimulantien
  • Evt. in einer Manie und
  • Zu Beginn einer Schizophrenie

 

Bewusstseinseinengung

Vorkommen:

  • Diese kennen viele „normale“ Menschen, wenn sie sehr stark konzentriert sind und ihre Aufmerksamkeit sehr eingeengt ist. Sie nehmen dann nur bestimmte, für sie interessante, Dinge wahr. Alles andere wird ausgeblendet.
  • Und beim autogenen Training wird dies ganz bewusst trainiert.
  • Oder in therapeutischer Hypnose bewusst hervorgerufen.
  • Dämmerzustände sind pathologische
    • Bewusstseinseinengungen, die oft  plötzlich eintreten und ebenso abrupt aufhören.
    • Charakteristisch ist eine starke Einengung auf ein bestimmtes inneres Erlebniselement oder einen entsprechenden Erlebnisbereich und eine nachfolgende Erinnerungslosigkeit (Amnesie).
    • Das Verhalten kann formal geordnet sein (geordneter Dämmerzustand). Die Umwelt bekommt davon oft gar nichts mit.
    • Oder das Verhalten ist schwerwiegend gestört bis hin zu einem plötzlich einsetzenden Erregungszustand gegenüber der Umwelt und dem eigenen Körper mit Fremd- und Selbstbeschädigungen (ungeordneter Dämmerzustand).
  • Auch Schlafwandeln gilt als Dämmerzustand. Ich würde es aber nicht als krankhaft bezeichnen.

 

Delirium tremens

Wird oft in Psychiatriebüchern als eigenständiges Krankheitsbild abgehandelt, weniger unter qualitativen Bewusstseinsstörungen aufgeführt. In diesem Zusammenhang wird dann dieser Zustand als Verwirrtheit und Bewusstseinseintrübung bezeichnet.

Symptome:

  • Mangelnde Klarheit des Erlebens
  • Gesteigerte psychomotorische Aktivität
  • Teilweise oder vollständige Desorientierung
  • Unzusammenhängendes Denken
  • Illusionäre Verkennungen und Halluzinationen
    • Oft sind optische Halluzinationen suggerierbar (dem Patienten „einzureden“).
  • Häufig vegetative Begleiterscheinungen
    • Schwitzen
    • Tachycardie
    • Zittern
    • Temperaturerhöhung
    • Austrocknung….
  • Delirien entstehen nicht plötzlich – wie beim Dämmerzustand – , sondern haben ein leichtes Anfangsstadium, was allmählich immer schlimmer wird.
  • Auch hier besteht hinterher eine Amnesie, wobei oft „Erinnnerungsinseln“ übrig bleiben.

Vorkommen:

  • Alkoholentzug bei Alkoholismus
  • Medikamentenentzug bei körperlich abhängig machenden Medikamenten
  • Komplikationen bei verschiedensten Medikamenten wie Atropin, Antiparkinsonmitteln, Antidepressiva…
  • Fliegenpilzvergiftung
  • Stoffwechselentgleisungen
  • Als akute organische Psychose bei alten Menschen mit cerebralen Durchblutungsstörungen, Flüssigkeitsmangel und Fieber.

 

Oneiroides Bewusstsein

Symptome:

  • Traumhafte Veränderung des Erlebens
  • Erhaltene Wachheit
  • Formal geordnetes Denken
  • Sinnvolles geordnetes Handeln.
  • Es ist ein Zustand, der vom Betroffenen nach Abklingen als „wie im Traum“, „so unwirklich“ bezeichnet wird, obgleich volle Erinnerung besteht.

Vorkommen:

  • Exogene und endogene psychotische Zustände
  • Epilepsie
  • Zerebrale Durchblutungsstörungen
  • Fieber.

Punkt Weiter mit 1.3. Denken, formales

 

6. Epilepsie – Psychische Auffälligkeiten

6 Psychische Auffälligkeiten

Es kann bei Epileptikern zu psychischen Auffälligkeiten kommen. (Muss aber nicht unbedingt.) Die können sehr vielfältig sein. Es können 2 große Gruppen auftreten:
1. exogene Psychosen (Erläuterung siehe unten)
2. reaktive Störungen (Erläuterung siehe unten)
In mancher Literatur wird noch von einer 3. Gruppe gesprochen, der
3. Wesensveränderung.
Dies ist aber sehr umstritten. Bei seltenem Anfallsauftritt ist dies auf jeden Fall nicht zu beobachten, v.a. wenn es sich nicht um große Anfälle handelt. Man könnte sich aber vorstellen, wenn jemand sein Leben lang sehr häufig länger anhaltende Grand-mal-Anfälle hat, dass sich der Sauerstoffmangel im Gehirn summiert und doch viele Nervenzellen untergehen und sich der Mensch verändert im Sinne von Umständlichkeit, Schwerfälligkeit, Verlangsamung, Haftenbleiben von Gedanken (also immer bei einem Thema bleiben). Es könnte aber auch sein, dass die die Epilepsie hervorrufende ursprüngliche Orginalschädigung des Gehirn dafür verantwortlich ist. Also: hin und wieder epileptische Anfälle schaden dem Gehirn nicht!!!!

 

1 – Exogene Psychosen
Psychosen sind schwere psychische Störungen, bei denen der Realitätsbezug des Klienten gestört ist. D.h., die Klienten haben ihre eigene private Realität, sie befinden sich auf einer anderen Realitätsebene als die so genannten „normalen“ Menschen. Sie sind also im wörtlichen Sinne „ver-rückt“. Da ihre Realität anders als unsere ist, kommt es häufig zu Kommunikationsstörungen, weil wir sie nicht verstehen und sie uns nicht. Exogene Psychosen sind Psychosen, die auftreten, weil das Gehirn in irgendeiner Weise gestört ist. Es ist also hirnorganisch „etwas nicht in Ordnung“, z.B. wenn Sie zuviel Alkohol trinken, haben Sie einen Rauschzustand und haben damit eine exogene Psychose. Auch wenn Sie dement werden, haben Sie Psychosen, weil das Gehirn zerstört wird. Und da bei jeder Epilepsie eine Hirnschädigung – und sei sie noch so klein – oder eine funktionale Hirnstörung vorliegt, können Klienten eine Psychose bekommen. „Exogen“ bedeutet hier nicht „von außen“, sondern es entsteht eine Störung durch „etwas, was da nicht hingehört“, z.B. Tumor, Durchblutungsstörung, FKH…).

Wann treten sie auf?
Sie können zu jeder Zeit auftreten, einfach so. Manche exogene Psychosen treten innerhalb der Aura auf (z.B. Geräusche hören, Lichtblitze sehen, manische oder depressive Verstimmungen).
Sie können aber auch nach einem Anfall auftreten (z.B. Dämmerzustände).

Oder sie kommen als Alternativpsychose vor. Diese kann man hin und wieder beobachten bei Klienten, die lange Zeit keinen epileptischen Anfall hatten und bei denen es aber „üblich“ war, in bestimmten Zeitabständen Anfälle zu bekommen. Stattdessen werden sie psychotisch. Meistens beendet der nächste epileptische Anfall diese Psychose. (Diese – auch schon in der früheren Psychiatrie – Beobachtung war die Geburtsstunde der umstrittenen Elektrokrampfbehandlung (EKB): Die elektrische Aktivität im Gehirn wird erhöht, ein generalisierter großer epileptischer Anfall ausgelöst und die psychische Ausnahmesituation „verschwindet“. Wie das genau funktioniert, ist bis heute noch nicht richtig geklärt.

Dämmerzustände
Der Klient „fällt“ in einen Dämmerzustand, es „passiert“ also relativ schnell. Am Ende verschwindet er oft allmählicher, bei manchen aber auch zeitlich scharf begrenzt. Die Dauer ist sehr unterschiedlich, Minuten bis selten Stunden.
Das Bewusstsein ist eingeengt auf ganz wenige äußere Dinge. Man nimmt die Welt wie mit einem „Tunnelblick“ wahr. Alles andere wird ausgeblendet. Deshalb reagieren die Klienten auch nicht auf Ansprache bzw. nicht adäquat. Sie sind desorientiert.
Das Bewusstsein kann evt. getrübt (leichte Benommenheit) sein, muss aber nicht.
Das Verhalten des Klienten kann geordnet sein, die Umwelt bekommt gar nicht mit, dass sich der Klient in einem Dämmerzustand befindet. Oft werden aber unbesonnene, sinnlose Handlungen ausgeführt, z.B. wie das Wasser aus der Vase kippen, Kämmbewegungen, lachen, schmatzen, Kampfbewegungen ausführen…
Es können illusionäre Verkennungen (Dinge werden anders als in der Realität wahrgenommen, z.B. aus Ästen werden lange Finger, aus Wolken Ungeheuer, aus dem Heilpädagogen die Mutter) und Halluzinationen (Sinnestäuschungen ohne jeglichen realen Hintergrund) auftreten.
Wenn der Klient aus dem Dämmerzustand herausgekommen ist, hat er eine Amnesie (Erinnerungslücke) für diesen. Seltener kann er sich an kleine Bruchstücke erinnern.

Durchgangssyndrome
Bei Durchgangssyndromen haben die Klienten psychische Auffälligkeiten, die vorübergehend sind, also „durchgehen“ und dann wieder – mehr oder weniger schnell – weg sind. Sie weisen immer auf eine Hirnfunktionsstörung hin. Meistens bedeutet dieser psychische Zustand, dass die Klienten wach und nicht benommen sind. Sie haben also keine quantitative Bewusstseinsstörung. In der Praxis und auch in manchen Lehrbüchern wird sich allerdings nicht so streng an diese Definition gehalten.

o Paranoid-halluzinatorische Psychosen
Hier haben die Klienten v.a. Sinnestäuschungen und Wahnidee. Wahnideen sind inhaltliche Denkstörungen, an denen der Klient unkorrigierbar festhält. Sie können einfach so in die Gedanken des Klienten kommen ohne realen Hintergrund (= Wahneinfälle). Oder die Klienten deuten etwas aus der Realität wahnhaft – d.h. nicht der Realität entsprechend – um (= Wahnwahrnehmungen)

o Halluzinatorische Psychosen mit Geruchs- und Geschmackssinnes- täuschungen

o Depressive Psychosen
Hier liegt vor allem eine hoffnungslose, resignierte Stimmung vor mit verlangsamten Denken (=Denkhemmung) und vermindertem Antrieb.

o Manische Psychosen
Die Stimmung der Klienten ist unangemessen euphorisch, der Antrieb gesteigert.

o De`ja-vu-Erlebnisse
Frz. „schon gesehen“, ist eine Erinnerungsfälschung, eine qualitative Gedächtnisstörung, die bei gesunden Menschen mal auftreten kann, bei Epileptikern aber gehäuft. Dem Klienten kommen Situationen bekannt vor.

 

2 – Reaktive Störungen
Reaktive Störungen können bei allen als Belastung erlebte Ereignisse auftreten. Sie sind psychische Auffälligkeiten, die auftreten können als Reaktion auf das belastende Erlebniss. So wird vielleicht ein Mensch mit der Diagnose „Epilepsie“ nicht fertig. Oder er fühlt sich von der Umwelt mit dieser Erkrankung geächtet oder ausgegrenzt, fühlt sich vielleicht nicht vollwertig. Es können auftreten

– Depressive oder gereizte Verstimmungen
– Alkoholmissbrauch
– Selbstisolierung
– Erhöhte Suizidrate im Vergleich zur „Normal“bevölkerung.

 

6 Psychische Auffälligkeiten
Psychische Auffälligkeiten bei Epilepsie

Punkt Weiter mit 7. Epilepsie – Komplikationen

B

B2

  • Babinski-Reflex
    Der Babinski-Reflex ist ein pathologischer Fremdreflex, der auf eine Schädigung der Pyramidenbahn hinweist. Beim Bestreichen des äußeren Fußsohlenrandes biegt sich die Großzehe beim gesunden Menschen leicht nach unten. Beim Vorliegen einer Pyramidenbahnverletzung biegt sich die große Zehe nach oben. Die Pyramidenbahn (= 1. motorisches Neuron oder 1. Motoneuron) ist eine wichtige Leitungsbahn des menschlichen Zentralnervensystems. Sie führt von der Großhirnrinde zu den Vorderhornzellen des Rückenmarks. Ermöglicht die Bewegung durch die Muskeln (vor allem die willentliche Bewegung). Benannt ist der Babinski-Reflex nach dem Entdecker, dem französischen Neurologen Joseph François Félix Francois Babinski (1857-1932). Andere Bezeichnungen sind Großzehenreflex oder Zehenreflex.

 

  • Basale Stimulation
    Der Sonderpädagoge Andreas Fröhlich entwickelte seit den Siebzigerjahren das Konzept der Basalen Stimulation zur Förderung schwerst behinderter Kinder. Die Diplompädagogin und Krankenschwester Christel Bienstein übertrug dieses Konzept auf die Pflege stark wahrnehmungsgestörter Menschen. Alltägliche pflegerische Handlungen wie Körperpflege, Ernährung und Mobilisation werden zu therapeutischen Möglichkeiten für den pflegebedürftigen Menschen, sich in seiner Umwelt zu orientieren, Kontakt aufzunehmen, selbst mitzubestimmen und aktiv zu werden. Wir begeben uns auf die Wahrnehmungs- und Erlebensebene dieser Menschen und orientieren uns an deren Ressourcen. Untersuchungen zeigen, dass diese Pflegemethode eine Stabilisierung der emotionalen Befindlichkeit und eine verbesserte Koordination und Wachheit bewirkt…. (Altenpflege 4/2001)

 

  • Begriffszerfall
    Gehört zu den formalen Denkstörungen.
    Die Bedeutung der verschiedenen Wörter werden nicht mehr scharf gegeneinander abgegrenzt. Begriffe der allgemeinen Sprache haben nicht mehr ihre ursprüngliche – für alle verständliche – Bedeutung. Kann einen einzelnen Begriff betreffen oder auch so viele, daß eine Verständigung selbst über Alltagsdinge nicht mehr möglich ist.

 

  • Bewusstsein
    In der traditionellen Psychiatrie bedeutet es einen eigentümlichen Grad von Helligkeit, Klarheit, Fülle, Beweglichkeit, Ablauftempo und Rangordnung des inneren Erlebens und der psychischen Funktionen.
    Eine kurze und knappe Beschreibung ist folgende (aus Vieten et al.):
    Bewusstsein ist die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen), verbunden mit dem Wissen um das eigene „Ich“ und die Subjektivität dieser Vorgänge.
    Praktisch psychiatrisch sind vor allem die pathologischen Veränderungen des Bewusstseins wichtig. Unterschieden werden vor allem Veränderungen der Bewusstseinshelligkeit – quantitative Bewusstseinsstörungen, wobei verschiedene Bewusstseinsgrade angenommen werden – und Veränderung der Bewusstseinsinhalte (qualitative Bewusstseinsstörungen). Diese Einzschätzung erfolgt auf Grund der Beobachtung des gesamten Verhaltens des Patienten.

 

  • Bewusstseinseinengung
    • ist eine qualitative Bewusstseinsstörung. Sie ist, abgesehen von der bei starker Konzentration auftretenden normalen Einengung der Aufmerksamkeit, in krankhaften Fällen durch ein meist psychotisches Verhaftetsein in bestimmten Gedankengängen bzw. krankhaften Denkschablonen charakterisiert, durch eine Einengung des Bewusstseinsfeldes. Die Bewusstseinsinhalte sind also reduziert, d.h. es erscheint nur noch ein kleiner Ausschnitt des Gesamterlebens im Bewusstsein.
      Bewusstseinseinengungen starken Ausmaßes werden therapeutisch im hypnotischen Zustand erzeugt.
      Dämmerzustände sind Bewusstseinseinengungen, die oft plötzlich eintreten und ebenso abrupt aufhören. Charakteristisch ist eine starke Einengung auf ein bestimmtes inneres Erlebniselement oder einen entsprechenden Erlebnisbereich und eine nachfolgende Erinnerungslosigkeit (Amnesie). Das Verhalten kann formal geordnet sein (geordneter Dämmerzustand) oder schwerwiegend gestört bis hin zu raptusartigem Verhalten gegenüber der Umwelt und dem eigenen Körper mit Fremd- und Selbstbeschädigungen.

 

  •  Bewusstseinsstörungen, quantitative
    Werden auch als Vigilanzstörungen oder Veränderung der Wachheit bezeichnet.
    – Benommenheit
    Leichte Minderung der Wachheit, die sich oft nur in einer leichten Verlangsamung des Denkablaufes und einer etwas erschwerten Auffassung äußert, die ihrer Art nach auch noch zur individuellen Spielbreite gehören könnte. Die Diagnose wird oft nur durch den Vergleich mit dem Zustand vorher oder nachher ermöglicht. Oft synonym mit Somnolenz, wobei hier korrekterweise eine schwere Benommenheit eigentlich gemeint ist.
    – Somnolenz
    Schwere Benommenheit.
    Symptome:
    – Herabsetzung der Aufmerksamkeit
    – Erschwerung der Auffassung
    – Erschwerung der Orientierung in Raum und Zeit
    – Verlangsamung der Denkvorgänge
    – Schwerbesinnlichkeit.
    Die Somnolenz hinterläßt nach Abklingen eine weitgehende, aber meist nicht vollständige Erinnerungslücke.
    Vorkommen:
    – bei akuten exogenen Psychosen (z.B. Vergiftungen, leichtes Schädel-Hirn-Trauma, vorübergehende cerebrale Durchblutungsstörungen…)
    – Sopor
    Schlafartiger Zustand, aus dem der Patient nur durch stärkere Reize partiell und vorübergehend, jedoch nur bis zum Stadium der Benommenheit „erweckbar“ ist.
    – Koma
    Schwerste Form der quantitativen Bewusstseinsstörung mit tiefer Bewusstlosigkeit. Der Patient kann auch bei Anwendung starker Schmerzreize nicht erweckt werden. Er reagiert allenfalls mit unkoordinierten Abwehrbewegungen.
    Das Koma, gleich welcher Ursache, ist immer ein ernster, oft lebensbedrohlicher Zustand. Entscheidend für den klinischen Verlauf eines mit Koma einhergehenden Krankheitsprozesses ist die Beurteilung der Komatiefe und die Einschätzung der Entwicklungsrichtung des Koma (üblich ist die Einschätzung durch die sog. Glasgow Coma Scale, siehe dort im Lexikon).
    Ursachen:
    – organische Hirnerkrankungen (z.B. Schädel-Hirn-Traumen, Schlaganfälle…)
    – schwere Stoffwechselstörungen (Coma basedowicum, diabeticum, hepaticum, hypoglycaemicum, uraemicum)
    – präfinales Stadium (Stadium vor dem Tod) schwerer Allgemeinerkrankungen.
    – Wachkoma oder – apallisches Syndrom oder – Coma vigile
    Der Patient erscheint, obzwar stumm und reglos, wach: Der Blick starrt geradeaus oder wandert umher, fixiert nicht. Weder verbal noch außersprachlich (Anfassen, Vorhalten von Gegenständen) ist eine Reaktion zu erzielen. Auch die reflektorischen Flucht- und Abwehrbewegungen können fehlen. Verharren in Zufallsstellungen (Fehlen der Korrekturbewegung). Vegetative Elementarfunktionen (Herzrhythmus, Atmung, Schlaf-Wach-Wechsel) erhalten.
    Das Syndrom ist abzugrenzen gegenüber dem Koma und gegenüber dem katatonen Stupor. Dazu ist außer dem psychopathologischen und neurologischen Befund das EEG wichtig.
    Vorkommen:
    – schwerste Schädigung und Funktionsausfall des Großhirnmantels (Pallidum) z.B. durch Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnblutung, Enzephalitis…

 

  • Bewusstseinsstörungen, qualitative
    Gegenüber den quantitativen, aus einer Veränderung der Wachheit leicht verstehbaren Störungen des Bewusstseinszustandes, stellen qualitative Bewusstseinsstörungen schwerer verständliche Phänomene dar. Offentsichtlich ist das dadurch bedingt, daß sie komplexer sind und nur mit beschreibenden Methoden einer Ordnung zugänglich werden. Sie sind stets mit dem Bewusstseinszustand zugehörenden anderen psychologischen Erscheinungen verbunden und verweisen mehr als die quantitativen Bewusstseinsstörungen auf die in der Wirklichkeit existierende Vielseitigkeit des Psychischen.
    Zumeist sind diese qualitativen Bewusstseinsstörungen mit Verhaltensauffälligkeiten verknüpft, die das Psychopathologische des Phänomens augenscheinlich werden lassen.
    Vereinfacht ausgedrückt, bei den qualitativen Bewusstseinsstörungen sind die Bewusstseininhalte verändert – wobei häufig auch quantitative Veränderungen hinzukommen. Zu erkennen sind sie am Verhalten des Patienten und an seinen Äußerungen.
    Mögliche Veränderungen sind Bewusstseinsverschiebung (Bewusstseinssteigerung bzw. -erweiterung), Bewusstseinseinengung (Dämmerzustand), Delirium (als Bewusstseinstrübung in Vieten et al. bezeichnet) und Oneiroides Bewusstsein (wobei hier die Abgrenzung gegenüber dem Dämmerzustand unscharf ist).
    (Die Begriffe sind einzeln im Lexikon aufgeführt, siehe dort!)

 

  • Bewusstseinsverschiebung (Bewusstseinssteigerung bzw -erweiterung)
    Qualitative Bewusstseinsstörungen. Es sind unscharfe Begriffe, welche die Erfahrung der eigenen Ausdehnung, Existenzerweiterung, hellerer, wacherer Aufnahme der Umwelteindrücke, reicherer Auffassung und Kombinationsfähoigkeit und Erinnerungstätigkeit angeben sollen. Die Wahrnehmung erscheint lebhafter, von stärkerem Gefühlswiderhall begleitet. Das Erleben erscheint neu zentriert, auf andere als die gewohnten Dinge des Alltags.
    Der Mensch erscheint ekstatisch („entrückt“), schildert umfassende Erkenntnisse und Einsichten. Vorkommen:
    – unter halluzinogenen Drogen oder Psychostimulantien
    – evt. in einer Manie und zu Beginn einer Schizophrenie

 

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung
    (engl. borderline= Grenzlinie, Grenzgebiet)
    Das sind Menschen, die – nach den inernationalen und amerikanischen Diagnoserichtlinien ICD 10 und DSM IV – an einer Persönlichkeitsstörung leiden, d.h. bestimmte Wesenszüge sind extrem ausgebildet. Sie zeigen eine „stabile Instabilität“: Ein durchgängiges Muster von Instabilität im Bereich der Stimmung, der zwischenmenschlichen Beziehungen und des Selbstbildes. Auffällig werden sie im frühen Erwachsenenalter, und die Störung manifestiert sich in den verschiedensetn Lebensbereichen. Nach dem DSM IV müssen mindestens fünf der folgenden Kriterien erfüllt werden:

1. Ein Muster von instabilen, aber intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen. Zeichnet sich aus durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung („Du bist mein Vorbild, Du kannst alles, Du bist der beste und einzigste…) und Abwertung („Du bist schlecht, Du bist wie die anderen, ich hasse Dich…).
2. Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten. Z.B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmißbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren und Freßanfälle (außer Suizid oder Selbstverstümmelung, siehe dazu 5.).
3. Instabilität im affektiven Bereich. Z.B. ausgeprägte Stimmungsänderungen von der Grundstimmung zu Depression, Reizbarkeit oder Angst. Diese Zustände dauern gewöhnlich einige Stunden oder – in seltenen Fällen – länger als einige Tage an.
4. Übermäßige, starke Wut oder Unfähigkeit, die Wut zu kontrollieren. Z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut oder Prügeleien.
5. Wiederholte Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder andere selbstverstümmelnde Verhaltensweisen (siehe Information Psychiatrie ==>Selbstverletzendes Verhalten).
6. Ausgeprägte und andauernde Identitätsstörung, die sich in Form von Unsicherheit in mindestens zwei der folgenden Lebenbereiche manifestiert:
dem Selbstbild, der sexuellen Orientierung, den langfristigen Zielen oder Berufswünschen, in der Art der Freunde oder Partner oder in den persönlichen Wertvorstellungen.
7. Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile.
8. Verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern (außer Suizid oder Selbstverstümmelung, siehe dazu 5.).
Als Ursachen werden die verschiedensten Faktoren diskutiert und vermutet. Eine ganz bestimmte alleinige Ursache gibt es vermutlich nicht.
Die Therapie ist oft sehr langwierig und schwierig. Es werden verschiedene Psychotherapien angewendet: stützende Psychotherapie, psychodynamische Therapien, verhaltentherapeutische Ansätze – alles möglich in Einzel-, Gruppen- oder stationären Therapien. Auch Psychopharmaka haben sich in bestimmten Situationen (bei Depressionen oder aggressiven Ausbrüchen) bewährt.

Sehr erfolgversprechend ist die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT).

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  • Dämmerzustände
    Dämmerzustände sind Bewusstseinseinengungen, die oft plötzlich eintreten und ebenso abrupt aufhören. Charakteristisch ist eine starke Einengung auf ein bestimmtes inneres Erlebniselement oder einen entsprechenden Erlebnisbereich und eine nachfolgende Erinnerungslosigkeit (Amnesie). Das Verhalten kann formal geordnet sein (geordneter Dämmerzustand) oder schwerwiegend gestört bis hin zu raptusartigem Verhalten gegenüber der Umwelt und dem eigenen Körper mit Fremd- und Selbstbeschädigungen.

 

  • Delirium tremens
    Wird oft in Psychiatriebüchern als exogene Psychose abgehandelt, weniger unter qualitativen Bewusstseinsstörungen aufgeführt. In diesem Zusammenhang wird dann dieser Zustand als Verwirrtheit und Bewusstseinseintrübung bezeichnet. Es ist ein Zustand mit mangelnder Klarheit des Erlebens und gesteigerter psychomotorischer Aktivität, teilweise oder vollständige Desorientierung und unzusammenhängendem Denken (Verwirrtheit), illusionären Verkennungen und Halluzinationen. Oft sind optische Halluzinationen suggerierbar (dem Patienten „einzureden“). Häufig vegetative Begleiterscheinungen (Schwitzen, Tachycardie, Zittern, Temperaturerhöhung, Austrocknung…). Delirien entstehen nicht plötzlich – wie beim Dämmerzustand – ,sondern haben ein leichtes Anfangsstadium, was allmählich immer schlimmer wird. Auch hier besteht hinterher eine Amnesie, wobei oft „Erinnnerungsinseln“ übrig bleiben.
    Vorkommen:
    – Alkoholentzug bei Alkoholismus
    – Medikamentenentzug bei körperlich abhängig machenden Medikamenten
    – Komplikationen bei verschiedensten Medikamenten wie Atropin, Antiparkinsonmitteln, Antidepressiva…
    – Fliegenpilzvergiftung
    – Stoffwechselentgleisungen
    – als akute organische Psychose bei alten Menschen mit cerebralen Durchblutungsstörungen, Flüssigkeitsmangel und Fieber.

 

  • Demenz
    Demenz entsteht durch Abbau von Gehirnsubstanz aus unterschiedlichen Ursachen. Dadurch gehen alle erlernten geistigen und praktischen Fähigkeiten und ein bestimmtes Persönlichkeitsniveau verloren. Es ist häufig ein chronisch fortschreitender, irreversibler Prozeß.
    Demenzformen sind u.a. Alzheimer-Demenz, Picksche Krankheit, Multiinfarkt-Demenz, Alkohol-Demenz.

 

  • Denken, formales
    Damit ist der Denkablauf, der Gedankengang gemeint. Also z.B. die Denkgeschwindigkeit – angemessen, zu langsam oder zu schnell. Oder denke ich unzusammenhängend oder in ersichtlicher Reihenfolge…

 

  • Denkstörungen, formale
    Sind Störungen des Gedankenganges.

    • Denkzerfahrenheit
      Völlig zusammenhangloses und zerrissenes (inkohärentes) Denken und Sprechen. Im Extremfall „Wortsalat“.
    • Gedankenabreißen (oder Gedankensperre)
      Plötzliches Abbrechen eines bis dahin flüssigen Gedankenganges ohne erkennbaren Grund.
      Oft wird das Gedankenabreißen als Folge eines Gedankenentzugs beschrieben: Der Patient sagt, der Gedanke sei plötzlich weg, jemand habe ihn weggenommen. Die formale Denkstörung wird also vom Patienten als Störung des Ich-Erlebens wahrgenommen.
    • Begriffszerfall
      Die Bedeutung der verschiedenen Wörter werden nicht mehr scharf gegeneinander abgegrenzt. Begriffe der allgemeinen Sprache haben nicht mehr ihre ursprüngliche – für alle verständliche – Bedeutung. Kann einen einzelnen Begriff betreffen oder auch so viele, daß eine Verständigung selbst über Alltagsdinge nicht mehr möglich ist.
    • Neologismen
      Manchmal bilden die Patienten durch Verknüpfung von Begriffen ganz neue Wörter.
      Ein Patient ist z.B. mit seinen Turnschuhen gelaufen und erzählt später, er habe „gelaufsohlt“.

 

  • Differentialdiagnose
    Jede, bei der Diagnosestellung zu berücksichtigende Diagnose, die aufgrund der erfassten Untersuchungsergebnisse in Frage kommt (Zetkin et al.).Es werden also alle Krankheiten berücksichtigt, die ähnliche Symptome wie die vermutete Krankheit haben. Im Laufe der Diagnotik werden diese Krankheiten ausgeschlossen oder es bestätigt sich eine andere Krankheit als die vermutete.Differentialdiagnosen auszuschließen ist wichtig, da die Therapien häufig sehr unterschiedlich sind.

 

  • Differentialdiagnostik
    alle diagnostischen Maßnahmen, Strategien u. Verfahren, die zur ärztl. Untersuchung bei einer Gesundheitsstörung bzw. Beratungsursache angewandt werden; insbes. Befragung (Anamnese), körperliche, ggf. apparative u. Laboruntersuchungen. Es sollen Differentialdiagnosen ausgeschlossen oder bestätigt werden. Das ist wichtig, um die richtige spezielle Therapie anzuwenden.

 

  • Dyskinetische Syndrome
    Als dyskinetische Syndrome werden Syndrome mit einer Störung des normalen Bewegungsablaufs (Kinese = Bewegung) bezeichnet. In der Literatur werden damit häufig Spätdyskinesien nach Gabe von hochpotenten Neuroleptika (Antipsychotika) gemeint. Man sagt dazu auch tardive (= verzögert, spät) Dyskenisien, weil die Bewegungsstörungen erst auftreten nach langjähriger Neuroleptikagabe. Es sind Bewegungsstörungen des Extrapyramidalen Systems, wie Mümmeln, Grimmassieren, Schmatzen, aber auch choreatische (schleudernde Bewegungen der Extremitäten) und athetotische (schraubende Bewegungen in den Gelenken vor allem der Hände, Arme, des Halses, des Oberkörpers mit extremer Überstreckung der Extremitäten) der Bewegungen.