1.2. Bewusstsein

1.2.Psychopathologischer Befund Bewusstsein
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Es gibt viele Definitionen vom Bewusstsein. Da in allen der jeweilige philosophische oder weltanschauliche Standpunkt zum Ausdruck gebracht wird, gibt es keine allgemeingültige Begriffserklärung.

In der traditionellen Psychiatrie bedeutet es einen eigentümlichen Grad von Helligkeit, Klarheit, Fülle, Beweglichkeit, Ablauftempo und Rangordnung des inneren Erlebens und der psychischen Funktionen.

Eine kurze und knappe Beschreibung ist folgende (aus Vieten et al.):

Bewusstsein ist die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge (Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen), verbunden mit dem Wissen um das eigene „Ich“ und die Subjektivität dieser Vorgänge.

Unterschieden werden vor allem

Veränderungen der Bewusstseinshelligkeit = quantitative Bewusstseinsstörungen

und

Veränderung der Bewusstseinsinhalte = qualitative Bewusstseinsstörungen.

Die Einschätzung erfolgt auf Grund der Beobachtung des gesamten Verhaltens eines Menschen.

1.2.Bewusstsein
Auffälligkeiten des Bewusstseins

 

Punkt Weiter mit 1.2.1. Quantitative Bewusstseinsstörungen

1.1. Affektivität

1.1. Affektivität
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden
1.1.Affektivität
Auffälligkeiten in der Affektivität

Affektivität

(lat. affectus = Gemütsstimmung, Empfindung, Leidenschaft)

ist die Gesamtheit der Gefühlsregungen und Stimmungen.

Stimmung

ist im Unterschied zum Affekt ein längerdauernder Gefühlszustand.
Typische Stimmungen:
– Traurigkeit
– Fröhlichkeit
– Gereiztheit

Depressive Stimmung

Gedrückte , pessimistische, hoffnungslose, niedergeschlagene, verzagte Stimmungslage, die die Traurigkeit weit übersteigt. Dazu kommt häufig Antriebsminderung , Angst, Selbsttötungsneigung und vermindertem Selbstwertgefühl. Die Affekte dazu drücken häufig keine Traurigkeit aus (z.B. mit Weinen oder kummervollem Gesichtsausdruck),  sondern sie wirken sehr erstarrt, so als ob eine „Gefühlslosigkeit“ in diesem Menschen herrscht.

Vorkommen:

– endogene Depressionen
– reaktive und neurotische Depressionen
– exogene Depressionen durch Gehirnerkrankungen

Euphorische Stimmung

Extrem heitere Stimmung mit Sorglosigkeit, Optimismus, subjektivem Wohlbefinden und gesteigertem Selbstwertgefühl.

Vorkommen:

– endogene Manie im Rahmen einer manisch-depressiven Krankheit (affektive Psychose)
– exogene Manie durch Gehirnerkrankungen oder durch Psychostimulantien u.ä. .

Gereizte Stimmung

Auf kleine und kleinste Zurücksetzungen oder Fehlschläge wird mit stärkerer Verstimmung, Freudlosigkeit und mühsam beherrschter Wut reagiert.

Vorkommen:

– bei Persönlichkeitsstörungen (als extreme Persönlichkeitseigenschaft)
– besonders aber bei manchen organischen Hirnerkrankungen, z.B. nach Hirnverletzungen und ab und an bei Epilepsie.

Affekte

Hier sind in der Psychiatrie sämtliche Gemütsäußerungen gemeint (z.B. Weinen, Lachen), verbunden mit körperlich-vegetativen Begleiterscheinungen (z.B. bestimmte Mimik, Schwitzen …).

Affektstörungen

Affektlabilität

Die Gefühle und Gefühlsäußerungen wechseln rasch, sobald ein bestimmter kleinerer Außenreiz kommt. Zum Beispiel: kleine Rührszene im Fernsehen –> sofortiges Losschluchzen.

Vorkommen:

– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom, siehe dort im Lexikon)
– habituell (lateinisch = gewohnheitsmäßig) bei psycholabilen Menschen (Jemand ist „nahe am Wasser gebaut.“)
– bei körperlicher und seelischer Erschöpfung (bei sonst unauffälligen Persönlichkeiten), evt. beim prämenstruellen Syndrom
– bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen vom impulsiven Typus (Borderline Persönlichkeitsstörung), bei denen eine besondere Labilität in Richtung Explosivität und Aggressivität besteht
– bei Kindern
– bei manisch-depressiven Mischzuständen

Affektinkontinenz

Eine Steigerung der Affektlabilität. Die Anlässe, die Gemütsäußerungen hervorrufen können, sind hier noch geringfügiger. Oft ist gar kein Anlass zu finden. Es entstehen ganz rasch intensive emotionale Reaktionen (überschießendes Lachen oder Weinen), die eine übermäßige Stärke haben und nicht beherrscht werden können. Die emotionalen Äußerungen klingen meist rasch wieder ab.

Beispiel:

Ein dementer Mensch, den man nach seinem Namen fragt, fängt bitterlich an zu weinen.

Vorkommen:
– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom).

Affektinkontinenz ist zu unterscheiden vom sog. pathologischen Lachen und Weinen, ältere Bezeichnung Zwangslachen und Zwangsweinen.

Inadäquate Affekte

„Unangemessene“ Gefühlsäußerungen. Sie werden auch als paradoxe Affekte bezeichnet. Hier passen die Gefühlsäußerungen eines Menschen nicht mit seinen Gedankeninhalten oder seiner Stimmmung oder einer bestimmten Situation zusammen.

Man sagt dazu auch Parathymie.

Z.B. ganz traurige Erlebnisse können munter lächelnd erzählt werden.
Hier bleibt für den Untersucher aber häufig offen, ob es sich wirklich um eine Inadäquatheit der Gefühle – am Beispiel, der Erzähler empfindet bei der Schilderung des ganz traurigen Erlebnisses gar keine Traurigkeit, im Gegenteil – oder um eine Inadäquatheit der Gefühlsäußerungen (=Paramimie) – am Beispiel, der Erzähler empfindet die Traurigkeit beim Erzählen, nach außen zeigt die Mimik aber das Gegenteil – handelt.

Affektverflachung

Wird manchmal auch etwas unschön als Abstumpfung, Affektlahmheit, Affektstarre oder Affektverödung bezeichnet.
Der Betroffene verliert das Mitempfinden, die emotionale Schwingungsfähigkeit (Spannbreite der Gefühle) verringert sich. Es lassen sich Gefühlsäußerungen nur schwer auslösen. Im Extremfall wirken Betroffene nach außen teilnahmelos und gefühlsleer. Hier scheint ein Leidensdruck zu fehlen.

Affektsperre

Unfähigkeit, Gefühle durch Affekte mitzuteilen. Die vorhandenen Gefühle lassen sich nicht an Mimik, Gesichtsausdruck, Gestik ablesen. Die Menschen wirken undurchsichtig.

Abschwächung aller Gefühle (Gefühlsverarmung)

Oft schmerzlich empfundene Gefühlsverarmung bis hin zu einem Gefühl der Empfindungslosigkeit. Die Patienten haben das Gefühl, nichts mehr empfinden zu können und innen leer zu sein.
Zum Beispiel sagt ein junger Mann mit Schizophrenie zu seinem Vater; „Ich wollte, ich könnte aufwachen und mich ganz mies fühlen – das wäre besser, als gar nichts fühlen.“

Ambivalenz

Wird meistens in der Literatur zu den Affektstörungen gezählt. Ich habe sie aber unter dem Extrapunkt Ambivalenz gesondert genannt und beschrieben.

Punkt Weiter mit 1.2. Bewusstsein

 

1. Einführung Psychiatrie – Psychopathologischer Befund

Der psychopathologische Befund ist die Beschreibung von psychischen Auffälligkeiten eines Menschen. Diese Auffälligkeiten sollten möglichst einfach und verständlich beschrieben werden. Der psychopathologische Befund ist für die Diagnosefindung sehr wichtig.

Wenn Sie den psychischen Zustand eines Menschen beschreiben möchten, sollten Sie auf ganz bestimmte „Teile“ der Psyche achten – z.B. auf das Bewusstsein, auf die Orientierung, auf die Stimmung u.s.w.

Ich habe die Begriffe alphabetisch geordnet.

In der Praxis beginnt man meist mit der Einschätzung des Bewusstseins, der Orientierung, der Psychomotorik und des äußeren Erscheinungsbildes. Die Reihenfolge kann aber auch beliebig anders gewählt werden.

Hier eine Übersicht.

Psychopathologischer Befund
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden

Punkt 1.1. Affektivität

Punkt 1.2. Bewusstsein

Punkt 1.3. Denken, formales

Punkt 1.4. Denken, inhaltliches

Punkt 1.5. Gedächtnis

Punkt 1.6. Ich-Erleben

Punkt 1.7. Wahrnehmung

Punkt 1.8. Orientierung, Psychomotorik, Suizidalität