1.1. Affektivität

1.1. Affektivität
„Teile“ der Psyche, die bei einem psychopathologischen Befund beschrieben werden
1.1.Affektivität
Auffälligkeiten in der Affektivität

Affektivität

(lat. affectus = Gemütsstimmung, Empfindung, Leidenschaft)

ist die Gesamtheit der Gefühlsregungen und Stimmungen.

Stimmung

ist im Unterschied zum Affekt ein längerdauernder Gefühlszustand.
Typische Stimmungen:
– Traurigkeit
– Fröhlichkeit
– Gereiztheit

Depressive Stimmung

Gedrückte , pessimistische, hoffnungslose, niedergeschlagene, verzagte Stimmungslage, die die Traurigkeit weit übersteigt. Dazu kommt häufig Antriebsminderung , Angst, Selbsttötungsneigung und vermindertem Selbstwertgefühl. Die Affekte dazu drücken häufig keine Traurigkeit aus (z.B. mit Weinen oder kummervollem Gesichtsausdruck),  sondern sie wirken sehr erstarrt, so als ob eine „Gefühlslosigkeit“ in diesem Menschen herrscht.

Vorkommen:

– endogene Depressionen
– reaktive und neurotische Depressionen
– exogene Depressionen durch Gehirnerkrankungen

Euphorische Stimmung

Extrem heitere Stimmung mit Sorglosigkeit, Optimismus, subjektivem Wohlbefinden und gesteigertem Selbstwertgefühl.

Vorkommen:

– endogene Manie im Rahmen einer manisch-depressiven Krankheit (affektive Psychose)
– exogene Manie durch Gehirnerkrankungen oder durch Psychostimulantien u.ä. .

Gereizte Stimmung

Auf kleine und kleinste Zurücksetzungen oder Fehlschläge wird mit stärkerer Verstimmung, Freudlosigkeit und mühsam beherrschter Wut reagiert.

Vorkommen:

– bei Persönlichkeitsstörungen (als extreme Persönlichkeitseigenschaft)
– besonders aber bei manchen organischen Hirnerkrankungen, z.B. nach Hirnverletzungen und ab und an bei Epilepsie.

Affekte

Hier sind in der Psychiatrie sämtliche Gemütsäußerungen gemeint (z.B. Weinen, Lachen), verbunden mit körperlich-vegetativen Begleiterscheinungen (z.B. bestimmte Mimik, Schwitzen …).

Affektstörungen

Affektlabilität

Die Gefühle und Gefühlsäußerungen wechseln rasch, sobald ein bestimmter kleinerer Außenreiz kommt. Zum Beispiel: kleine Rührszene im Fernsehen –> sofortiges Losschluchzen.

Vorkommen:

– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom, siehe dort im Lexikon)
– habituell (lateinisch = gewohnheitsmäßig) bei psycholabilen Menschen (Jemand ist „nahe am Wasser gebaut.“)
– bei körperlicher und seelischer Erschöpfung (bei sonst unauffälligen Persönlichkeiten), evt. beim prämenstruellen Syndrom
– bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen vom impulsiven Typus (Borderline Persönlichkeitsstörung), bei denen eine besondere Labilität in Richtung Explosivität und Aggressivität besteht
– bei Kindern
– bei manisch-depressiven Mischzuständen

Affektinkontinenz

Eine Steigerung der Affektlabilität. Die Anlässe, die Gemütsäußerungen hervorrufen können, sind hier noch geringfügiger. Oft ist gar kein Anlass zu finden. Es entstehen ganz rasch intensive emotionale Reaktionen (überschießendes Lachen oder Weinen), die eine übermäßige Stärke haben und nicht beherrscht werden können. Die emotionalen Äußerungen klingen meist rasch wieder ab.

Beispiel:

Ein dementer Mensch, den man nach seinem Namen fragt, fängt bitterlich an zu weinen.

Vorkommen:
– bei hirnorganischen Schäden (organisches Psychosyndrom).

Affektinkontinenz ist zu unterscheiden vom sog. pathologischen Lachen und Weinen, ältere Bezeichnung Zwangslachen und Zwangsweinen.

Inadäquate Affekte

„Unangemessene“ Gefühlsäußerungen. Sie werden auch als paradoxe Affekte bezeichnet. Hier passen die Gefühlsäußerungen eines Menschen nicht mit seinen Gedankeninhalten oder seiner Stimmmung oder einer bestimmten Situation zusammen.

Man sagt dazu auch Parathymie.

Z.B. ganz traurige Erlebnisse können munter lächelnd erzählt werden.
Hier bleibt für den Untersucher aber häufig offen, ob es sich wirklich um eine Inadäquatheit der Gefühle – am Beispiel, der Erzähler empfindet bei der Schilderung des ganz traurigen Erlebnisses gar keine Traurigkeit, im Gegenteil – oder um eine Inadäquatheit der Gefühlsäußerungen (=Paramimie) – am Beispiel, der Erzähler empfindet die Traurigkeit beim Erzählen, nach außen zeigt die Mimik aber das Gegenteil – handelt.

Affektverflachung

Wird manchmal auch etwas unschön als Abstumpfung, Affektlahmheit, Affektstarre oder Affektverödung bezeichnet.
Der Betroffene verliert das Mitempfinden, die emotionale Schwingungsfähigkeit (Spannbreite der Gefühle) verringert sich. Es lassen sich Gefühlsäußerungen nur schwer auslösen. Im Extremfall wirken Betroffene nach außen teilnahmelos und gefühlsleer. Hier scheint ein Leidensdruck zu fehlen.

Affektsperre

Unfähigkeit, Gefühle durch Affekte mitzuteilen. Die vorhandenen Gefühle lassen sich nicht an Mimik, Gesichtsausdruck, Gestik ablesen. Die Menschen wirken undurchsichtig.

Abschwächung aller Gefühle (Gefühlsverarmung)

Oft schmerzlich empfundene Gefühlsverarmung bis hin zu einem Gefühl der Empfindungslosigkeit. Die Patienten haben das Gefühl, nichts mehr empfinden zu können und innen leer zu sein.
Zum Beispiel sagt ein junger Mann mit Schizophrenie zu seinem Vater; „Ich wollte, ich könnte aufwachen und mich ganz mies fühlen – das wäre besser, als gar nichts fühlen.“

Ambivalenz

Wird meistens in der Literatur zu den Affektstörungen gezählt. Ich habe sie aber unter dem Extrapunkt Ambivalenz gesondert genannt und beschrieben.

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9. Epilepsie – Differentialdiagnostik, Differentialdiagnosen

9DifferentialdiagnostikDDignosen

Differentialdiagnosen zur Epilepsie

 

Differentialdiagnostik bedeutet, es sind andere neurologische oder psychiatrische Erkrankungen abzugrenzen, die auch attackenartig auftreten. Die genauen Diagnosen sind wichtig, da die Therapien völlig andere sind.

1 – Synkopen bei Mangeldurchblutung des Gehirns und bei Herzkranken 

(Synkope griechisch = Ausfall, im Sinne von kurzzeitigem Bewußtseinsverlust) Eine plötzliche vorübergehende ungenügende Blutzufuhr im Gehirn bewirkt einen Bewußtseinsverlust mit Hinstürzen.

2 – Tetanie

(tetanos griechisch = Spannung)Tetanie ist eine akute Muskeltonussteigerung durch eine Übererregbarkeit des Nervensystems. Kann auftreten bei

Kalziummangel (nach Schilddrüsenoperation kann evt. die Nebenschilddrüse, die für den Kalziumhaushalt zuständig ist, mit wegoperiert worden sein) oder durch

extreme Mehratmung (Hyperventilation) bei Aufregung z.B. Es kommt zu Verkrampfungen der Muskulatur, besonders in den Extremitäten zu der sog. Pfötchenstellung. Erste Hilfe bei Mehratmung ist das Überstülpen einer Papiertüte oder Beruhigung und dadurch ruhigeres Atmen.

3 – Psychogener Anfall

(psychogen = psychisch bedingt, keine Organschädigung) Psychogene Anfälle haben ein buntes Erscheinungsbild. Sie sind manchmal von epileptischen Anfällen kaum zu unterscheiden. Sie entstehen bei bestimmten Persönlichkeiten besonders vor Publikum und haben meist keine Verletzungen zur Folge, weil die Klienten meistens sehr „gut und sicher“ fallen. Psychogene Anfälle kommen z.B. bei Klienten mit Neurosen vor und sind meist kein willentlicher Vorgang.

4 – Affektkrämpfe

Sind respiratorische (= die Atmung betreffende) Krämpfe im Kleinkindalter. Bei affektiv (= durch Gefühle hervorgerufen) erregtem Schreien kommt es in der Exspirationsphase (Ausatmung) zu einem Glottiskrampf (Krampf der Stimmlippen) mit anschließender Apnoe (Atemstillstand). Das Kind wird für Sekunden bewusstlos, zyanotisch (läuft blau an) und steif. Es kommt aber schnell wieder zu sich.

5 – Fieberkrämpfe

Gelten als Okkasionskrämpfe (Gelegenheitskrämpfe) bei sehr hohem Fieber bei Kleinkindern bis zum 3. Lebensjahr. Es sind „echte“ cerebrale Krampfanfälle, die aber nicht gefährlich sind und ein sehr gute Prognose haben.

6 – Opisthotonus

Der Opisthotonus (gr. ópisthen = rückwärts, Tonus =Spannung) ist ein tonischer Krampf in vor allem der Streckmuskulatur des Rückens und des Nackens. Auftreten kann er bei

Meningitis als Nackensteifigkeit, bei

Strychnintoxikation (früher als Rattengift bekannt) und bei

Tetanus (Wundstarrkrmpf). Letzterer kommt durch das Bakterium Clostridium tetani zustande, welches ein Neurotoxin produziert. Dieses Neurotoxin vergiftet das zentrale Nervensystem (speziell die Hemmungssynapsen des Rückenmarkes und der Medulla oblongata). Und führt zu einem Trismus (tonischen Krampf der Kaumuskulatur des Unterkiefers mit Kiefernsperre), zu tonischer Muskelstarre und klonischen Krampfanfällen. Hier auch Krampfanfälle der Atemmuskulatur bei klarem Bewusstsein) Die Letatlität beträgt unbehandelt ca. 50%.

(Bitte nicht verwechseln Tetanus und Tetanie. Das sind zwei völlig verschiedene Störbilder.)

7 – Narkolepsie

(altgriechisch narkōdēs = erstarrt, hier im Sinne von schlafen) Hier haben die Klienten Schlafanfälle (von Minuten bis Stunden) am Tage, vor allem in Verbindung mit Affektäußerungen (z.B. wenn sie über einen Witz lachen). Die Ursache ist noch ungeklärt. Es sind aber keine epileptischen Anfälle. Eine Therapie besteht in der Gabe von Psychostimulantien.

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Foto: Pexels.com

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