Die Schneeschuhe – 1962

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Edmonton, Dezember 1962

Die Jagdausrüstung hatte Heinz – der junge große athletisch aussehende Mann mit den braunen Augen – aus Deutschland mitgenommen. Eine nagelneue Remington 700, ein Gewehr, was kurz vor seiner Ausreise auf den Markt kam. Der Schaft aus dunklem gewachsenen Holz. Ein Zielfernrohr hatte er selber daran befestigt. Dazu kam noch das Abschiedsgeschenk seines Vaters. Ein echtes Puma-Jagdnicker-Messer. Aus einem Stück Stahl geschmiedet, mit Hirschhornschalen und Messingbeschlägen. Daran hing Heinz besonders. Ein altes Familienerbstück, was seine Dienste nach all den vielen Jahren immer noch perfekt erfüllte.

Er brauchte nur noch die Schneeschuhe, um an den freien Wochenenden Bären, Elche und Schneehasen zu jagen. Sie waren ein Muss in der verschneiten Wildnis um die Uranmine Gunnar bei Uranium City im Norden von Kanada. Mit Skiern wäre er eingesunken und stecken geblieben. Da er alleine jagen wollte, wäre dies sein Tod gewesen.

Die nächste Stadt, in der man einkaufen konnte, war Edmonton. 700 km von Gunnar entfernt. Der erste Wolkenkratzer war noch nicht gebaut, aber die Stadt war durch Ölboom und Uranminen ringsherum im Wachsen. Vor allem die Downtown. Ein idealer Ort für Einwanderer.
In einem kleinen Pelz- und Lederladen, geführt von einer attraktiven Metis-Frau (eine Nachfahrin eines europäischen Pelzhändlers und einer Frau indianischer Abstammung) – hatte er Schneeschuhe bekommen. Das Jagen konnte beginnen….

Mit einem lauten verwegenen „Hello!“ trat er mit langen Schritten ins „Old country Inn“, nahe des Bahnhofes.

19 Uhr. In drei Stunden fuhr sein Zug…

Rauch hüllte ihn ein. Gerüche waberten herum und machten Hunger: Steaks, Hähnchen, warme Blutwurst. Sogar Wiener Schnitzel gab es hier.

Er steuerte einen etwas wackelig aussehenden Bugholzstuhl aus Zedernholz an einem leeren kleinen Tisch in der Ecke neben der Theke an. Seine dunkelgraue knautschige dick gefütterte Winterjacke mit der Riesenkapuze hängte er locker über seine Stuhllehne. Die Bomber-Fliegermütze aus Rotfuchsfell legte er leger auf den Tisch. Die Schneeschuhe vorsichtig auf seinen Schoß. „Einen Whisky mit Blaubeeren und Ahorn, bitte!“ rief er der vorbeieilenden Kellnerin mit dem tiefen Ausschnitt zu. Sie lächelte und nickte.
Er liebte den kanadischen Whisky-Likör mit Blaubeeren und Ahornsirup. So sehr, dass er sich lieber betrank als sich etwas zu essen zu bestellen. Entweder oder. Mehr konnte er sich im Moment nicht leisten.
Deshalb wollte er ja jagen. Aber nicht nur deshalb. Er brauchte den Adrenalinschub, um sich lebendig zu fühlen.

Er holte aus seiner Gesäßtasche eine krumpelige Chesterfieldschachtel. Er angelte sich eine Zigarette heraus. Genüßlich steckte er sie an und blies einen blauen Rauchkringel in den Raum. Dabei zwinkerte er verschmitzt der Kellnerin zu, deren Augen aufblitzten. Lässig schob er seine Zigarette in seinen linken Mundwinkel und kaute darauf herum. „So schön kann das Leben sein.“, dachte er und lehnte sich entspannt zurück. Sein Stuhl knarrte bedenklich.

20 Uhr. In zwei Stunden fuhr sein Zug…

Die alkoholgeschwängerte Wärme, die ständige Geräuschkulisse von Stimmen und Liedern aus der Musikbox machten ihn schläfrig. Wortfetzen in allen Sprachen, vor allem englische.
Die Zeit dehnte sich. Alles lief irgendwie langsamer ab, wie in Zeitlupe. Er besah sich mit schwer werdenden Augenlidern voller Stolz seine neuen Schneeschuhe. Genau solche, auf denen vor langer Zeit die ersten Jäger und Trapper Kanada entdeckten.
Selbst wenn der Waldboden um Gunnar knietief mit Schnee bedeckt war, würden seine neuen Schuhe kaum einsinken.
Sie sahen wie zwei riesengroße Tennisschäger mit abgebrochenen Griffen aus. Das Geflecht und die Riemen waren aus Elchleder. Heinz strich langsam – fast zärtlich – mit der rechten Hand darüber. Auf der Handinnenseite blieb ein glänzender Film zurück. Heinz führte seine Hand an seine leicht verschnupfte Nase. Es roch angenehm nach Tapir-Lederfett – ein aromatischer Hauch von Bienen- und Carnaubawachs und Kokosfett. Er war zufrieden. Das Elchleder war gut eingefettet.
Er wischte sich die Hand an seinem Hosenbein ab und kippte den Rest von dem Ahornsirup-Whisky hinunter. Wohliges Prickeln durchströmte seine Kehle. „Noch einen!“ rief er der Kellnerin zu.

21 Uhr. In einer Stunde fuhr sein Zug…

Die Riemen seiner Schneeschuhe schnallte er an seinen abgetragenen ledernen Hosengürtel an der linken Seite fest. Sicher war sicher… Schräg gegenüber am Tresen standen zwei große Grobiane, größer als er – und er war immerhin 1.90 m groß – und schauten hin und wieder zu ihm rüber. Ob sie etwas im Schilde führten?
Die Wochen in der Uranmine hatten ihn misstrauisch werden lassen. Es gab viele Schlägereien, Alkohol und Gezänk…. Viele zwielichtige Gestalten trafen hier aufeinander. Jeder hatte seine eigene schlimme Geschichte… Es war ein grausamer Job in den Schächten, der einen fertig machte. Der viele Dollars in kurzer Zeit brachte. Man musste nur aufpassen, dass man die Zeit überlebte…. Dann konnten seine anderen Träume wahr werden… Ja, er war ein Gauner mit einer rauen Schale, aber einem weichem Kern.

21 Uhr und 15 Minuten. In 45 Minuten fuhr sein Zug…

Elke Zagadzki, im Oktober 2022

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Trautes Heim, Glück allein?!… – 1959

Der dicke Brief von Enrique (2011) – Teil 1

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„Ciudad Bolivar, Anfang 2011

Meine liebe Elke,
als ich vor 14 Tagen einen Anruf von der deutschen Botschaft in Caracas erhielt, fiel ich einfach aus allen Wolken.
Ich hatte nicht mehr in meinem Alter damit gerechnet. Ungefähr zehn Jahre lang nach dem Mauerfall hatte ich noch die leise Hoffnung, Dich mal wiederzusehen, überhaupt sich endlich kennen zu lernen.
Ich mußte dann endlich – da ich festen Glaubens war, daß Ihr meine Adresse gekannt habt – einfach annehmen, daß Du den negativen Einflüssen Deiner Familie (was mich betrifft) -zum Opfer gefallen bist. Gott sei Dank war das nicht so.

Was ich von Deiner Mutter unverantwortlich finde, daß sie noch nicht mal der erwachsenen Tochter die Anschrift Deines Vaters gegeben hat. Was können die Kinder dafür, wenn die Eltern und Großeltern sich nicht einigen können! Ich hatte auch schon genug Krach mit MEINEN Eltern, das dauerte glücklicherweise „nur“ fast vier Jahre. Deine Mutter wußte von Anfang an, wo ich mich aufgehalten habe:

Zuerst eineinhalb Jahre in Canada. Wo ich am Polarkreis in einer Uranmine – an freien Wochenenden auf Jagd nach Bären und Elchen (die Jagdausrüstung hatte ich aus Deutschland mitgenommen, nur die Schneeschuhe mußte ich mir in Edmonton noch besorgen) – mir das Geld für die Venezuela-Pläne verdient habe…..“

Ich ließ den Brief sinken. Es formten sich Bilder und bewegte Szenen in meinem Kopf…. Ja, so könnte es gewesen sein …. :

… Die Jagdausrüstung hatte Heinz – der junge große athletisch aussehende Mann mit den braunen Augen – aus Deutschland mitgenommen. Eine nagelneue Remington 700, ein Gewehr, was kurz vor seiner Ausreise auf den Markt kam. Der Schaft aus dunklem gewachsenen Holz…

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Trautes Heim, Glück allein?!… – 1959

Trautes Heim, Glück allein?!… – 1959

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Frühling 1959. Das ist das Foto „Mutter – Vater – Kind“. Aufgenommen im Garten eines Forsthauses an der holländischen Grenze.

Frühling 2021, 62 Jahre später. Als Elkes Mutter Gertraud mit 90Jahren starb, fand Elke in dem Nachlass dieses Foto.

Es rührte Elke unglaublich an. Jetzt war sie froh, dass sie sich vor einigen Jahren auf die Suche nach ihrem Vater Heinz gemacht hatte. Das Bild vermittelte Elke Geborgenheit, Entspannung, nie gekannte FamilienIdylle. Fast wie Weihnachten, überlegte sie. Maria, Josef und Baby Jesus. Aber noch viel schöner und erotischer.

Ein fremder Betrachter des Bildes könnte denken: „Es waren einmal Gertraud, Heinz und Baby Elke…. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Unendliches Glück, Wärme, Sonnenschein, flatternde Schmetterlinge…. Die Welt liegt den Dreien zu Füßen, die Liebe und Allmacht der Jugend umgibt sie, beneidenswerte Sorglosigkeit…“

Nur Elke wußte, was vorher geschah und wie das Märchen endete. Vorher: Der Skandal eines fast unehelichen Kindes. Tobende Eltern von Gertraud, vor allem zornbebende Mutter Gerda. Schmachvolle Sorge Blutschande oder NichtBlutschande? Der Mann jünger als die Frau. Der Mann ohne Ausbildung, Beruf und Geld. Die Frau strebsam, fleißig, ehrgeizig. Der Mann ein Hallodri und Taugenichts (O-Ton von Gerda). Der Mann aus Westdeutschland, die Frau aus Ostdeutschland.

Dann, leider nur kurz: Schillernde dünne Glücksseifenblase aus Verliebtheit, wonniglicher Wärme (siehe Foto).

Nach dem Platzen der Seifenblase: Zorn, Trauer, Qual bei allen Beteiligten. Wie nach dem Platzen einer Fruchtblase Blut, andere Flüssigkeit und die Schmerzen der Wehen.

Aber wie unter der mühsamen Geburt neues Leben in die Welt kommt, kam auch nach dem Seifenblasenknall und den grausamen Wehen für Mutter, Vater, Kind etwas ganz Neues. Für Gertraud ein selbstverwirklichtes Leben ohne Abwasch und Essenkochen. Für Heinz ein Leben voller verrückter spannender Abenteuer. Und für Elke ein buntes Leben mit viel Nachdenklichem…

Elke Zagadzki, im Oktober 2022

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Der dicke Brief von Enrique (2011) – Teil 1

Dame mit Vogel …

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Das war mein erster Linolschnitt. Hier in Orginalgröße abgebildet. Mein Vorlage war ein altes Gemälde. Leider weiß ich nicht, von wem und wie es hieß. Sollte es jemand, der dies liest, wissen, bitte schreiben Sie mir eine Nachricht. Danke.

Insgesamt habe ich nur drei Linolschnitte hergestellt. Alle in den 90iger Jahren. Es war einfach nicht „mein Ding“. Vor allem mit dem Spiegeln hatte ich meine Probleme. Es war mir außerdem zu anstrengend, jede Linie ins Linoleum hineinzuschneiden…

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Picasso lässt grüßen…

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MEINE ALTE BILDERGALERIE

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Picasso lässt grüßen…

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Da ich mir für das neue Jahr vorgenommen habe, Ihre linke und rechte Hirnhälfte für Ihr Wohlbefinden im steten Wechsel gleichmäßig durchbluten zu lassen, kommt jetzt nach meinem „linkslastigen“ Beitrag Schizophrenie – Symptome dies:

Ein uraltes Bild – Wasserfarben auf Packpapier – aus meiner Picasso-Fan-Zeit von 1995. Ich wollte mindestens genauso gut sein wie er… Naja, damals habe ich mich ziemlich überschätzt 😂. Aber ich mag das Bild trotzdem. Es trifft genau meine Mentalität: Krimis lesen und mich „verkrümeln“… Das ist die schönste Art der Erholung für mich! Auch heute noch.

Es ist ein sehr großes Bild – 92cm x 70cm – , wie die meisten aus dieser Zeit. Jetzt werden meine Bilder immer kleiner. Mittlerweile bin ich bei A8 gelandet…

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Screenshots von meiner alten Homepage

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MEINE ALTE BILDERGALERIE

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Screenshots von meiner alten Homepage

Es ist endlich soweit! Ab Juni 2020 wird meine alte Homepage aus dem weltweiten Netz verschwunden sein. Sie hat mich fast 20 Jahre treu begleitet, mir und meinen Schülern als Unterrichtsergänzung gute Dienste geleistet, mir einfach viel Spaß bereitet und mich gelehrt, ein ganz klein wenig HTML schreiben zu können.

Mein Sohn Friedrich hat sie mir programmiert als er 15 Jahre alt war. Ich habe sie dann nach und nach mit Leben gefüllt, bis er mir vor einiger Zeit sagte, dass sie nicht mehr sicher sei. Auf seinen Rat hin habe ich mich dann hier WordPress zugewendet.

Hier zur Erinnerung einige Screenshots von ihr.

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11. Epilepsie – Prognose

11Epilepsie Prognose

Prognose ist die Vorhersage des Verlaufes einer Erkrankung.

Der Verlauf der Epilepsie bei einem Menschen kann sehr unterschiedlich sein:

  • Gute medikamentöse Einstellung, danach keine oder nur vereinzelte epileptische Anfälle. Das kommt am häufigsten vor.
  • Bei manchen Menschen wirken die Medikamente nicht oder kaum (Medikamentenresistenz). Aber chirurgische Entfernung des Herdes oder ein Vagusschrittmacher greifen sehr gut.
  • Wenn sich Ursachen beseitigen lassen bei sekundären Epilepsien (z.B. ein Entzündungsherd), treten danach meistens keine Anfälle mehr auf. Hier ist oft die bereits durch die Ursache entstandene Hirnschädigung von Bedeutung.
  • Eine kleine Gruppe von Menschen mit Epilepsie ist total therapieresistent.

 

10. Epilepsie – Therapie, Betreuung

10 Epilepsie Therapie Betreuung

1 – Während eines Anfalls

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Unterrichtsfolie, -übersicht: Maßnahmen während und nach einem Anfall (Grand Mal)

2 – Status epilepticus

Notfall! Notarzt, Einweisung auf Intensivstation.

3 – Lebensgestaltung

 

Lebensgestaltung
Unterrichtsfolie, -übersicht: Lebensgestaltung

4 – Langzeittherapie

Antiepileptika (= Antikonvulsiva)

5 – Operative Therapie

Bei Medikamentenresistenz und günstiger Lage eines Herdes: chirurgische Beseitigung dieses Herdes.

6 – Vagusschrittmacher

Der Vagusnerv ist ein Hirnnerv. Er dient der Ruhe, Erholung und Verdauung und ist der wichtigste parasympathische Nerv. Wenn er stimuliert wird durch einen Schrittmacher – so wie das Herz mit einem Herzschrittmacher – , wird u.a. das Gehirn gedämpft. So, als würde jemand Antiepileptika zu sich nehmen. Dadurch können Anfälle verhindert werden.
Anwendung: therapieresistente Epilepsien

7 – Therapiehunde

8 – Heilpädagogisches Handeln

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Unterrichtsfolie, -übersicht: Heilpädagogisches Handeln bei Epilepsie

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Foto: Pexels.com

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9. Epilepsie – Differentialdiagnostik, Differentialdiagnosen

9DifferentialdiagnostikDDignosen

Differentialdiagnosen zur Epilepsie

 

Differentialdiagnostik bedeutet, es sind andere neurologische oder psychiatrische Erkrankungen abzugrenzen, die auch attackenartig auftreten. Die genauen Diagnosen sind wichtig, da die Therapien völlig andere sind.

1 – Synkopen bei Mangeldurchblutung des Gehirns und bei Herzkranken 

(Synkope griechisch = Ausfall, im Sinne von kurzzeitigem Bewußtseinsverlust) Eine plötzliche vorübergehende ungenügende Blutzufuhr im Gehirn bewirkt einen Bewußtseinsverlust mit Hinstürzen.

2 – Tetanie

(tetanos griechisch = Spannung)Tetanie ist eine akute Muskeltonussteigerung durch eine Übererregbarkeit des Nervensystems. Kann auftreten bei

Kalziummangel (nach Schilddrüsenoperation kann evt. die Nebenschilddrüse, die für den Kalziumhaushalt zuständig ist, mit wegoperiert worden sein) oder durch

extreme Mehratmung (Hyperventilation) bei Aufregung z.B. Es kommt zu Verkrampfungen der Muskulatur, besonders in den Extremitäten zu der sog. Pfötchenstellung. Erste Hilfe bei Mehratmung ist das Überstülpen einer Papiertüte oder Beruhigung und dadurch ruhigeres Atmen.

3 – Psychogener Anfall

(psychogen = psychisch bedingt, keine Organschädigung) Psychogene Anfälle haben ein buntes Erscheinungsbild. Sie sind manchmal von epileptischen Anfällen kaum zu unterscheiden. Sie entstehen bei bestimmten Persönlichkeiten besonders vor Publikum und haben meist keine Verletzungen zur Folge, weil die Klienten meistens sehr „gut und sicher“ fallen. Psychogene Anfälle kommen z.B. bei Klienten mit Neurosen vor und sind meist kein willentlicher Vorgang.

4 – Affektkrämpfe

Sind respiratorische (= die Atmung betreffende) Krämpfe im Kleinkindalter. Bei affektiv (= durch Gefühle hervorgerufen) erregtem Schreien kommt es in der Exspirationsphase (Ausatmung) zu einem Glottiskrampf (Krampf der Stimmlippen) mit anschließender Apnoe (Atemstillstand). Das Kind wird für Sekunden bewusstlos, zyanotisch (läuft blau an) und steif. Es kommt aber schnell wieder zu sich.

5 – Fieberkrämpfe

Gelten als Okkasionskrämpfe (Gelegenheitskrämpfe) bei sehr hohem Fieber bei Kleinkindern bis zum 3. Lebensjahr. Es sind „echte“ cerebrale Krampfanfälle, die aber nicht gefährlich sind und ein sehr gute Prognose haben.

6 – Opisthotonus

Der Opisthotonus (gr. ópisthen = rückwärts, Tonus =Spannung) ist ein tonischer Krampf in vor allem der Streckmuskulatur des Rückens und des Nackens. Auftreten kann er bei

Meningitis als Nackensteifigkeit, bei

Strychnintoxikation (früher als Rattengift bekannt) und bei

Tetanus (Wundstarrkrmpf). Letzterer kommt durch das Bakterium Clostridium tetani zustande, welches ein Neurotoxin produziert. Dieses Neurotoxin vergiftet das zentrale Nervensystem (speziell die Hemmungssynapsen des Rückenmarkes und der Medulla oblongata). Und führt zu einem Trismus (tonischen Krampf der Kaumuskulatur des Unterkiefers mit Kiefernsperre), zu tonischer Muskelstarre und klonischen Krampfanfällen. Hier auch Krampfanfälle der Atemmuskulatur bei klarem Bewusstsein) Die Letatlität beträgt unbehandelt ca. 50%.

(Bitte nicht verwechseln Tetanus und Tetanie. Das sind zwei völlig verschiedene Störbilder.)

7 – Narkolepsie

(altgriechisch narkōdēs = erstarrt, hier im Sinne von schlafen) Hier haben die Klienten Schlafanfälle (von Minuten bis Stunden) am Tage, vor allem in Verbindung mit Affektäußerungen (z.B. wenn sie über einen Witz lachen). Die Ursache ist noch ungeklärt. Es sind aber keine epileptischen Anfälle. Eine Therapie besteht in der Gabe von Psychostimulantien.

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8. Epilepsie – Diagnostik

 

8EpilepsieDiagnostik

Diagnostik der Epilepsie

1 – Beobachtung, Beschreibung der Anfälle

Ganz wichtig für die Diagnostik ist eine gute Beobachtung der Anfälle. Wenn keiner der vielen Beobachtungsbögen vorhanden ist – vielleicht weil es der erste Anfall ist – reicht eine ausführliche formlose Beschreibung.

2 – Anamnese

Die Krankengeschichte bzw. Vorgeschichte erfolgt durch Befragung des Patienten (Eigenanamnese) oder einer dritten Person (Fremdanamnese). Z.B. könnte ein Schädel-Hirn-Trauma oder andere Vorerkrankungen auf die Ursache der Epilepsie hinweisen.

3 – EEG = Elektroencephalographie

Bei der Arbeit der Nervenzellen im Gehirn entsteht elektrische Aktivität. Diese wird durch das EEG gemessen. Das EEG ist somit Spiegel der elektrischen Aktivität des Gehirns.

Kleine Metallblättchen (Elektroden) auf der Kopfhautoberfläche leiten den Strom bzw. die Spannungsschwankungen ab. Diese werden elektronisch verstärkt und können dadurch mit einem Registriergerät aufgezeichnet werden. Bildlich werden sie dann als „Wellen und Täler“ gesehen. Je nach Form und Amplitude der Wellen kann man eine Aussage über die elektrische Aktivität machen. Entsprechen die Wellen nicht den Normen, liegt irgendeine Störung des Gehirns über den entsprechenden Ableitungsorten vor.

Die genaue Art der Störung muss man dann durch andere Untersuchungsmethoden herausbekommen.

Angezeigt (indiziert) ist ein EEG bei der Beurteillung von Krampfleiden, bei Verdacht auf Tumore, Multipler Sklerose etc.

4 – cCT = craniale Computertomographie

Es werden Röntgenstrahlen verwendet. Allerdings ist die Röntgenbelastung wesentlich geringer als bei den herkömmlichen Röntgenaufnahmen.

Um den Klienten herum dreht sich eine Röntgenröhre. Diese wird von außen durch einen Detektorring begrenzt. Der Detektor ist ein Gerät, was die verbliebene Strahlung wieder aufnimmt und die Strahlenintensität misst. Die Röntgenstrahlung geht also durch den Körper – hier im speziellen Fall durch den Schädel = cranium – durch. Und die Reststrahlung, die wieder herauskommt, wird gemessen. Die Zahlenwerte werden in einen Computer gegeben. Dieser rechnet dann alle Zahlenwerte in ein zweidimensionales Bild um.

Die scheibchenförmigen Schnitte vom Schädel sind also keine herkömmlichen Röntgenbilder, sondern rein errechnete Bilder.

5 – MRT = Magnetresonanz-Tomographie = Kernspintomographie

Hier werden ebenfalls Schnittbilder erzeugt. Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Computertomographie. Es werden aber keine Röntgenstrahlen verwendet. Sondern es wird ausgewertet, wie sich das Gehirn in einem starken Magnetfeld verhält. Ein Magnetfeld richtet die Wasserstoffkerne des Gewebes in eine Richtung aus. Ein kurzer Hochfrequenzimpuls „rüttelt“ an dieser Ausrichtung. Beim Zurückschwingen der Wasserstoffkerne in ihre ursprüngliche Position werden elektromagnetische Wellen ausgesandt, die von speziellen Sensoren (Detektor) registriert werden. Es ergibt sich ein Muster, das von einem Computer in ein sichtbares Bild verwandelt wird, vergleichbar den Schnittbildern im CT.
Vorteil: kontrastreichere Darstellung und keine schädlichen Röntgenstrahlen.
Nachteil: sehr teure Geräte, langes Stillliegen in enger, langer Röhre (bis 30 Minuten), klaustrophobische Reaktionen.

6 – LP = Lumbalpunktion

Die Lumbalpunktion ist eine Untersuchung des Liquors (Liquor = Hirnwasser bzw. Rückenmarkswasser). Der Liquor ist eine wässrig-klare Flüssigkeit, die unser Gehirn und unser Rückenmark umspült.

Die LP wird gemacht als diagnostisches Mittel bei Epilepsie bei Verdacht auf eine Meningitis (= Hirnhautentzündung) , Encephalitis (=Gehirnentzündung), Multiple Sklerose oder anderer Hirnerkrankungen.

Diese Untersuchung machen Sie als Heilpädagoge, Heilerziehungspfleger, Kranken- oder Altenpfleger natürlich nicht. Sie sollten aber gut darüber Bescheid wissen, um professionell den Klienten aufzuklären bzw. ihm das medizinische Vokabular übersetzen zu können. Viele Klienten haben nämlich sehr große Angst vor dieser Untersuchung.

Man kann Liquor im Lendenbereich entnehmen und auf Gehirnveränderungen schließen, weil der Liquor sowohl Gehirn als auch Rückenmark umspült und eine Einheit darstellt.

Bei dieser Untersuchung wird der Liquor mit einer speziellen Hohlnadel durch das Eindringen in den Wirbelkanal zwischen den Wirbelkörpern der unteren Lendenwirbelsäule – meist zwischen den Dornenfortsätzen des 3. und 4. Lendenwirbelkörper – entnommen.

Die Hohlnadel sticht durch den Epiduralraum (epi= darauf, daneben, Dura = harte Hirnhaut, also der Raum, der auf der harten Hirnhaut liegt),die Dura mater (=harte Hirnhaut) und Arachnoidea (=Spinnwebenhaut) durch bis zu dem Subarachnoidalraum (sub= unter, also der Raum unter der Spinnenwebenhaut gelegen) , wo sich der Liquor befindet. Es werden nur wenige Milliliter entnommen.

Die Untersuchung erfolgt im Sitzen oder auf der Seite liegend, wobei der Betroffene einen möglichst runden “Katzenbuckel” machen muss.

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