*LITERARISCHE BAUSTELLEN* >Hornisse, Immunkrankheit und Insel – eine dystopische Tierparabel

Im Schreibkurs bekam ich drei Wörter zugeteilt: Hornisse, Immunkrankheit, Insel. Daraus wurde eine kleine dystopische Tierparabel. Die Hornisse findet am Ende, was ihr gefehlt hat. Die Natur kommt zurecht. Nur die Menschheit hat ein Problem.
Das Makrofoto der Post-Mortem-Hornisse stammt von meiner Tochter Elisabeth.
Hornisse, Immunkrankheit und Insel – eine dystopische Tierparabel
Es war einmal eine Hornisse, die lebte ohne Artgenossen auf einer winzigen Insel. Wie es sie dorthin verschlagen hatte, wusste sie nicht.
Auf dem Eiland standen drei Bäume. Die Hornisse nagte emsig Holzfasern aus Rinde und Ästen. Sie trug sie ein Stück weit mit sich fort und ließ sie fallen. Ein Nest konnte sie allein nicht bauen. Für wen auch? Es gab Tage, an denen ihr Herz schwer wurde und ihre Flügel lahm. Wozu sollte sie sich überhaupt noch bewegen? Jedes Summen ließ sie aufschwingen. Doch nie war es eine andere Hornisse.
Eines Morgens erschien am Horizont ein Schiff. Die Hornisse flog auf den höchsten Baum und sah zu, wie Menschen in Schutzanzügen und Handschuhen an Land kamen. Sie schleppten schwere Holzkisten vom Schiff und stellten sie am Strand ab. Dann fuhren sie wieder davon.
Die Hornisse freute sich. So viel Holz! Die erste Kiste war bald durchnagt. Eine gallertartige Masse quoll heraus. Die Hornisse roch daran, dann kostete sie. Kurz darauf fiel sie ins Gras, wo sie regungslos liegen blieb. Erst am Abend des nächsten Tages konnte sie wieder fliegen.
Wenige Wochen später kam das Schiff zurück. Diesmal flog die Hornisse an Bord. Ein Mann entdeckte sie. Er hob die Hand und wollte sie erschlagen. Sie wich aus. Als er erneut ausholte, bohrte sie ihren Stachel in seinen Unterarm. Es war der erste Stich ihres Lebens. Einige Stunden später bekam der Matrose Fieber, am nächsten Tag lag er tot in seiner Koje.
Mit dem Schiff kam die Hornisse aufs Festland. Dort gab es Gärten, Häuser und viele Menschen. Aus den Fernsehern hörte sie bald immer wieder dieselben Worte: Krankheit, Immunsystem, Tote.
Mit der Zeit verstand die Hornisse. Der Erreger aus der Holzkiste hatte in ihrem Körper überlebt. Ihr selbst schadete er nicht. Durch den Stich war er auf den Matrosen übergegangen. Von ihm hatte sich die Krankheit weiter ausgebreitet. Niemand wusste, wie alles begonnen hatte. Nur die Hornisse.
Die Straßen wurden leerer. Autos blieben stehen. In manchen Häusern liefen die Fernseher, obwohl die Bewohner verschwunden waren.
Der Hornisse war das egal. Sie brauchte die Menschen nicht. Sie fand Nahrung und niemand schlug nach ihr. Bald begegnete sie anderen Hornissen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nicht allein. Nun teilte sie die Gärten mit ihresgleichen.
Die Wochen vergingen, dann kam der Herbst. Die Hornisse wurde langsamer. An einem der letzten warmen Tage setzte sie sich auf eine aufgeplatzte Birne und trank vom süßen Saft. Am Abend kroch sie unter ein trockenes Blatt. Dort starb sie.
Auf der kleinen Insel blieben die Holzkisten zurück. Gras wuchs um sie herum.
Und wenn sie nicht verrottet sind, stehen sie heute noch dort.
Nur die Menschheit gibt es nicht mehr.
Elke Zagadzki, im September 2026
